Verein hilft

Wenn die „Bergedorfer Engel“ den Kiez besuchen

Würstchen und Rotkohl: Susanne aus Bergedorf (rechts) lädt Jackie eine ordentliche Portion auf den Teller. Die junge Frau, die in St. Pauli in einem Zelt wohnt, kommt oft sonntags zum Hilfsangebot der „Bergedorfer Engel“.

Würstchen und Rotkohl: Susanne aus Bergedorf (rechts) lädt Jackie eine ordentliche Portion auf den Teller. Die junge Frau, die in St. Pauli in einem Zelt wohnt, kommt oft sonntags zum Hilfsangebot der „Bergedorfer Engel“.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Die ehrenamtlichen Helfer aus Bergedorf versorgen Obdachlose und arme Rentner mit warmem Essen, Getränken und dem Nötigsten.

Bergedorf/Hamburg. Laute Musik scheppert auf der Reeperbahn, ein Hund jault auf, drei Männer pöbeln sich an. An der Ecke zum Hamburger Berg stapeln sich Schlafsäcke und Decken. Auf einer leuchtet gelb-blau ein Kindermotiv mit Sonne und Sternen. Die Obdachlosen haben es sich auf der Straße ... na ja, nicht gerade gemütlich gemacht.

Der Wind pfeift, Plastiktüten wehen über sie hinweg. Sonntagmittag, 12 Uhr. Ein Blumenverkäufer verschwindet im „Knallermann“, gleich gegenüber vom Erotikkino und dem „Elbschlosskeller“. Riesengroß über der Szenerie eine rot-glitzernde Cola-Werbung auf dem Hausdach: „Wir feiern unterschiedlich, aber wir freuen uns gleich!“

Rotkohl und 320 Bratwürste

Hochgezogene Reißverschlüsse, doppelte Kapuzen, verschlossene Blicke. Nach einer „Wodkabombe“ für vier Euro, womit die „Pizza-Bar“ wirbt, ist gerade wohl kaum jemandem zumute. In der Schlange, die entlang der Häuserreihe immer länger wird, freuen sich die Menschen vielmehr auf die „Bergedorfer Engel“. Sie verteilen Suppe, Obst und Tee, diesmal sogar auch 320 Bratwürste, Rotkohl und Knödel. Zudem spendete das „Fährhaus Tatenberg“ Nudeln mit Bolognese.

Ein junger Mann kam barfuß

Gut 20 ehrenamtliche Helfer in gelben Westen flitzen über die Straße vor „Kentucky Fried Chicken“. Sie klappen Stehtische auf, kramen Jacken, Handschuhe und Mützen aus dem Auto, dazu Rucksäcke und neue Schlafsäcke (ein winterfester kostet im Großhandel 25 Euro). Und zum Glück Wollsocken und ein Paar warme Schuhe, Größe 45. „Ich bin schizophren, habe meine Schuhe wohl gestern auf dem Weg zum Krankenhaus irgendwo verloren“, sagt ein junger Mann, der barfuß auf dem Asphalt steht.

„Etwa 5000 Obdachlose in Hamburg“

Würde sollte kein Konjunktiv sein. Jeder kann konkret helfen: Thorsten Bassenberg gründete die „Bergedorfer Engel“ im März 2014. „Wir können mehr bewegen als tausend andere, die nichts tun“, bleibt seine Devise. Denn der Staat habe seit Langem zu wenig Kapazitäten, um dem Problem der Verarmung zu begegnen.

„Wir schauen vor dem Elend nicht weg, wollen den etwa 5000 Obdachlosen in Hamburg auf eine würdevolle Art und Weise die Hand reichen. Außerdem sind viele arme Rentner hier“, sagt Bassenberg und betont: „Je mehr mitmachen, desto mehr Menschlichkeit, Respekt und Würde kehrt zurück in unsere Gesellschaft.“

Hundefutter gibt es kostenlos

Eine Frau will sich nicht fotografieren lassen – „dann schämen sich meine Kinder“. Freundin Angelika indes, die auf einem Rollator sitzt, ist längst nicht mehr empfindlich: „Ich habe mit 14 mein erstes Kind gekriegt“, erzählt die 63-Jährige: „Aber das haben sie mir weggenommen, als ich über einem Puff in der Davidstraße wohnte.“ Heute ist sie froh, wenigstens ihre Hunde zu haben: „Das ist doch der einzige Halt, den man hat.“

Das weiß auch Friseurin Anke Tombeux aus Fünfhausen. Sie verteilt kostenlos Hundefutter, Leinen und Decken für die Vierbeiner. Nebenan werden Hilfebedürftige mit Duschgel, Rasierschaum und Shampoo versorgt. „Auch Feuchttücher sind sehr gefragt, weil viele ja nicht duschen können“, so Michael Heyden aus Bergedorf.

300 Menschen sind satt

Nach knapp zwei Stunden sind gut 300 Mahlzeiten ausgegeben, dazu Pudding, Gemüse, Obst und belegte Brötchen zum Mitnehmen. Die Mägen sind gefüllt, es wird ruhiger. Doch die Bilder bleiben gleich: Pfandflaschen klötern in einem Fahrradkorb. Ein Mann sitzt neben einem Einkaufswagen, Besen und Krücke sind an die Hauswand gelehnt. Ein Bärtiger klaubt Ein- und Zwei-Cent-Stücke aus dem Kopfsteinpflaster: Eine junge Frau hat wohl auf Hochzeitschuhe gespart, das Kupfergeld dann beim Junggesellinnenabschied am Vorabend verstreut.

„Gegen meine Mutter wird wegen Mordes ermittelt. Ich schlafe in einem Zelt im Kleingarten am Schwarzen Weg“, erzählt der Pole Adrian (31). Er lebe seit vier Jahren in Bergedorf quasi „auf der Straße“ – und sei zum Glück kerngesund. Wer hingegen Bronchitis hat, Arthrose, Krätze oder eine Mandelentzündung, wartet vor dem Gesundheitsmobil des Hilfsvereins „Alimaus“.

Verbandsmaterial für wunde Füße

„Wir machen in erster Linie die Akutversorgung und haben auch eine Defibrillator an Bord“, sagt der Ehrenamtliche Ronald Kelm. Der Krankenpfleger in der Anästhesie erklärt, dass jährlich 20.000 Euro für Medizin gebraucht werden: „Vor allem Verbandsmaterial für wunde Füße. Und viele Antibiotika.“ Bloß einen Wunsch muss Internistin Dr. Gyde Wegmann heute einem älteren Mann abschlagen: „Gelbe Armbinden haben wir leider nicht dabei“, sagt sie dem Blinden.

„Ne tolle Sache für die Ärmsten der Armen“

Wenn die „Bergedorfer Engel“ nicht auf dem Kiez sind, springen die „Elmshorner Suppenhühner“ ein, eben jeden zweiten Sonntag. Auch sie haben ein Pendant zur „Alimaus“, das „Arzt-Mobil Hamburg“, ein ehemaliges Maskenmobil, in dem Schauspieler geschminkt wurden. Handwerker Toni hilft seit Januar 2017 ehrenamtlich mit: „Die Menschen haben mir halt leid getan. Anfangs habe ich ihnen nur ab und zu was gebracht. Jetzt helfe ich regelmäßig. Ist ne tolle Sache für die Ärmsten der Armen.“

Methadon und eine HVV-Fahrkarte

Das denkt sich ebenso Dr. Hubertus Stahlberg. Sonntags behandelt der Arzt 30 bis 50 Menschen auf der Reeperbahn. Drogen, Alkohol und „psychische Sachen wie Depressionen“ zählt „Doktor Hu“ auf – „so nennt man mich hier“. Es sei vielleicht der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, „aber trotzdem sinnvoll“, meint der Allgemein- und Suchtmediziner: „Wer nicht versichert und drogenabhängig ist, hat in Deutschland doch sonst keine Chance.“

In seiner Hittfelder Praxis kennt er sich mit Methadon-Substitution aus. „Wir bezahlen das Methadon und die HVV-Fahrkarte. Aber sie müssen pünktlich kommen. Das darf nicht chaotisch sein.“

Zu Bergedorf hat das „Arzt-Mobil“ einen besonderen Bezug: Zum Glück gebe es eine Kooperation mit der Pluspunkt-Apotheke im Sachsentor, wo Kunden Schlafsäcke und Isomatten für Obdachlose kaufen können. So können sich die Bergedorfer dem Motto anschließen: „Wer die Not sieht, muss handeln. Kostenfrei, respektvoll und auf Augenhöhe.“

Geldspenden sind sehr hilfreich

Auch die „Bergedorfer Engel“ sammeln Sachspenden. Sie können beim Lohbrügger „Autodock“ an der Osterrade 4 abgegeben werden und bei Schmuckdesignerin Betti Brenner an der Wentorfer Straße 1. Zelte und Schlafsäcke nimmt zudem die DM-Drogerie an der Alten Holstenstraße 23 an. Oft werde aber auch schlichtweg Bargeld gebraucht, sagt Thorsten Bassenberg: „Wir kaufen ja auch frische Unterwäsche und Socken. Jeder soll bekommen, was er braucht."

Spenden sind willkommen bei der Vierländer Volksbank (IBAN: DE 28 2019 0109 0089 0600 90).