Boberg.

„Eine Umweltschützerin der ersten Stunde“Hannelore „Loki“ Schmidt (1919-2010)

100 Jahre Loki Schmidt Sie war mehr als nur Kanzlergattin: 2019 steht im Zeichen der Frau, die auch Bobergs Dünenhaus gründete

Boberg.  Die Vielfalt der Boberger Niederung scheint fast unendlich: Da leben die Erdkröte und der Kleine Perlmuttfalter, die Blutrote Heidelibelle und der Eisvogel. Da wachsen Birkenpilz, Tüpfelfarn, Flatterbinse und Kriechweide. Sie alle kann entdecken, wer durch das 350 Hektar große Naturschutzgebiet spaziert. Und auch die jährlich 14.000 Menschen, die das Naturschutz-Infohaus, heute „Dünenhaus“, an der Boberger Furt 50 besuchen, kommen aus dem Staunen kaum heraus – selbst wenn die vier Zauneidechsen Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny gerade im Winterschlaf sind: „Die bleiben bis Ende Februar bei 8 Grad im Kühlschrank“, sagt Biologin Karen Elvers, die das Haus leitet. Sie hofft, dass die Tiere bald wieder in Boberg angesiedelt werden können: „Wir würden gern welche züchten lassen und im Dünenrandbereich beobachten. Aber zunächst bitten wir die Umweltbehörde um eine Machbarkeitsstudie.“

Das ist allerdings nur eines von vielen Projekten der Loki Schmidt Stiftung, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert – und gleich doppelt jubiliert: Zugleich wäre Namensgeberin Loki Schmidt im März 100 Jahre alt geworden. Dazu passend wird eine neue Wanderausstellung über die beliebte Gattin des Ex-Kanzlers konzipiert. Lesungen aus ihrem „Naturbuch für Neugierige“ sind geplant, am 31. August wird im Museum für Hamburgische Geschichte das Loki-Geburtstagsfest für alle Hamburger steigen.

„Sie war nicht nur Grußtante, sondern eine Umweltschützerin der ersten Stunde, als es noch keine Grünen-Politik gab und kein Umweltministerium“, wertschätzt Axel Jahn. Er führt seit acht Jahren die Geschäfte der Stiftung, hat seit einem Jahr auch einen kaufmännischen Leiter zur Seite.

Denn die Stiftung ist inzwischen sehr groß geworden. Zu den Anfängen: Für ihre Naturschutzprojekte gründete Loki Schmidt im Jahr 1976 das damalige Kuratorium zum Schutze gefährdeter Pflanzen, das 1979 in eine Stiftung überführt wurde. Durch den Zusammenschluss dieser Stiftung mit der Stiftung Naturschutz Hamburg entstand 1990 die heutige „Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt zum Schutze gefährdeter Pflanzen“ – sie trägt zum Glück heute die Kurzbezeichnung „Loki Schmidt Stiftung“.

Und die wird im Oktober zum 40. Mal die „Blume des Jahres“ küren – diesmal mit der Bergedorferin Bianca Buhck, die im Oktober neu in den Stiftungsrat kam.

Stiftung kauft Moore und Trockenrasen

„Früher hat es nicht wie heute fünf bis sieben sondern zwölf Jahre gedauert, bis ein neues Naturschutzgebiet ausgewiesen war. Bis dahin war eine seltene Pflanze längst verschwunden“, erläutert Axel Jahn die Ursprünge des Stiftungseigentums: „Loki hat ihre Freunde Töpfer, Körber, Otto und Krupp gefragt und die Flächen dann einfach gekauft. Das erste Objekt war eine Wiese mit Wilden Narzissen“, sagt der 56-Jährige. Er verwaltet heute 30 Projektgebiete auf 290 Hektar Fläche im gesamten Bundesgebiet. Meist sind es Moore, Heide und Trockenrasen, zuletzt ein Schnäppchen für 31 Cent pro Quadratmeter in Brandenburg. Aber „im Durchschnitt zahlen wir einen Euro pro Quadratmeter“, so Jahn, der sich insbesondere über 90 Hektar in Wittenmoor freut: „Das ist toll da, fast wie in Schweden.“

Der Jahresumsatz liegt bei einer Million Euro

Vor acht Jahren habe die Stiftung einen Jahresumsatz von 350.000 Euro, inzwischen sei es eine Million Euro, so Axel Jahn. Das Stammkapital (3,5 Millionen Euro) werfe jährlich 90.000 Euro an Zinsen ab. Zudem stieg die Zahl der Mitarbeiter von sechs auf 20 (sechs davon absolvieren ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder Bundesfreiwilligendienst). Zuletzt wurde sogar eine Fundraiserin angestellt.

Zur Haupteinnahmequelle zählen die jährlich 12.000 Kalender, die verschickt werden. Auch kommen immer mehr Nachlass-Spenden dazu. So hat etwa der Bergedorfer Michael Kühl, ein ehemaliger Mitarbeiter der Umweltbehörde, sein Erbe der Loki Schmidt Stiftung versprochen. Er kannte Hamburgs Ehrenbürgerin noch persönlich und berät heute die Umweltschützer im „Dünenhaus“.

Auch Helfer vom Info-Haus Fischbeker Heide werden am 12. April zum Senatsempfang eingeladen – eben alle, die ehrenamtlich Kontrollgänge durch die Naturschutzgebiete machen, Müll sammeln, Apfelbäume schneiden, Rasen mähen oder sich an den jährlich rund 1000 (meist kostenlosen) Veranstaltungen der Stiftung beteiligen, also Vorträge halten oder Führungen anbieten.

Die Umwelt begreifen und mit allen Sinnen erfassen – das war das Ansinnen von Loki Schmidt: „Sie hat nicht nur als Lehrerin an der Schiefertafel erklärt, sondern im Klassenzimmer Pflanzen in Töpfen gezogen“, schwärmt Axel Jahn, der nun alle Hamburger Schulen zu einem Wettbewerb aufruft: Wer einen schönen Schulgarten hat, ein Biotop oder auch nur eine kleine, liebevoll gehegte Außenfläche am Schulhof, bewirbt sich bis 3. März. Online unter https: //bluehendeschulen.hamburg werden Details verraten.

Viele weitere Projekte nehmen im Jubiläumsjahr ihren Lauf. So veröffentlicht der Biologe und Journalist Lothar Frenz im Februar sein Buch „Ein Jahr mit Loki“. Es werden weiter Brutplätze für den Eisvogel an der Dove-Elbe betreut, zudem der „Lange Tag der Stadtnatur“ (15./16. Juni) dem neuen länderübergreifenden Biotopverbund gewidmet.

Und es werden Unternehmen angesprochen, Bienen und Schmetterlinge auf ihre Firmengelände zu locken – wie zuletzt die Bergedorfer Hauni. Axel Jahn: „Auf ehemals lieblosem Abstandsgrün fühlen sich jetzt Vögel, Insekten und Würmer wohl, kann die Belegschaft ihre Pausen auf einer Bank im Grünen genießen.“

Loki Schmidt kam am 3. März 1919 als Hannelore Glaser in Hamburg zur Welt. Sie wuchs mit Schwester Linde und Bruder Christoph in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater war Betriebselektriker auf einer Werft, die Mutter Näherin. Im grauen Arbeiterstadtteil Hammerbrook gab es wenig Grün, doch schon früh erblühte das Interesse für Flora und Fauna. Da die Gebühr für ein Biologie-Studium indes zu hoch war, entschied sich die junge Frau dafür, Pädagogik auf Lehramt zu studieren. Von 1940 bis 1972 arbeitete sie als Volks-, Grund- und Realschullehrerin.

Im Juni 1942 heiratete sie Helmut Schmidt, den sie bereits aus ihrer Klasse an der Lichtwarkschule in Winterhude kannte. Auch während ihrer Zeit als Bundeskanzler-Gattin (1974 bis 1982) engagierte sie sich für den Pflanzen- und Naturschutz, begleitete Forschungsreisen weltweit und sammelte Gelder für den Erhalt der biologischen Vielfalt: „Für den Naturschutz nutze ich den Namen meines Mannes hemmungslos aus“, soll sie schmunzelnd gesagt haben.

Anfangs noch als „Loki und ihre Blümchen“ belächelt, erwarb sie sich bald auch wissenschaftliche Anerkennung.

Wie für ihren Mann Helmut (1918-2015) soll es auch zu Ehren von Loki Schmidt demnächst eine Sondermarke der Deutschen Post geben: Zum 100. Geburtstag erscheint am 1. März eine 45-Cent-Marke mit ihrem Konterfei.