Gastbeitrag

Die Deutschen auf der Achterbahn der Stimmungen

Blickt freundlich in die Zukunft: Prof. Dr. Horst Opaschowski (77).

Blickt freundlich in die Zukunft: Prof. Dr. Horst Opaschowski (77).

Foto: Axel Heimken / picture alliance / dpa

Bergedorf. Zukunftsforscher Horst Opaschowski in einem Gastbeitrag über die Sorgen der Älteren und den Optimismus der Jugend.

Bergedorf.  Geht ein Riss durch Deutschland? Oder kommt der positive Ruck? Wie wird 2019? Zur Jahreswende ist die Stimmung im Land gespalten – in Zuversichtliche und Ängstliche, in Hoffnungsvolle und Skeptiker. Die Konjunkturstimmung der Wirtschaft ist gut, doch die Stimmungslage der Deutschen so schlecht wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Noch 2013 sahen 44 Prozent der Bundesbürger dem kommenden Jahr „mit großer Zuversicht und Optimismus“ entgegen. Geradezu erdrutschartig war der Anteil der Optimisten 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle auf 18 Prozent gesunken und hat jetzt mit 17 Prozent einen absoluten Tiefpunkt erreicht. Dies geht aus bundesweiten Repräsentativumfragen von jeweils 1000 Personen ab 14 Jahren hervor, in denen ich gemeinsam mit dem Ipsos Institut regelmäßig die Einschätzungen der Bevölkerung zum kommenden Jahr befrage.

Sorge um bezahlbaren Wohnraum nimmt zu

Ein Ende der Talfahrt ist noch nicht in Sicht. Eher deutet sich eine Achterbahnfahrt der Stimmungen an, solange ein großer Teil der Bevölkerung soziale Konflikte im eigenen Land befürchtet und wenig Hoffnung auf ein gutes Zusammenleben hat. Zwei Drittel der Deutschen erwarten eine weitere Verschärfung der Kluft zwischen Arm und Reich im eigenen Land – mit steigender Tendenz. Am meisten Sorgen machen sich Bewohner im ländlichen Raum (76%), Alleinlebende (71%) und Senioren (70%). Sie erwarten eine immer größer werdende Ungleichheit und fühlen sich als Wohlstandsverlierer. Im Vergleich zum Vorjahr nimmt auch die Sorge deutlich zu, dass es im kommenden Jahr immer weniger bezahlbaren Wohnraum geben wird.

Als weiterer Unsicherheitsfaktor kommt nach Ansicht der Bevölkerung die Unberechenbarkeit der internationalen Politik hinzu, was die 65plus-Generation um ein Vielfaches mehr beunruhigt als die junge U20-Generation. Das wachsende Unzufriedenheitspotenzial der Deutschen wird zunehmend durch äußere Einflussfaktoren bestimmt.

Warten auf politische Antworten

Vielfach mit sich und dem eigenen Umfeld in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis zufrieden, wächst die Sorge vor ungelösten Zukunftsfragen, auf die die Politik bisher keine überzeugenden Antworten gefunden hat. Gut die Hälfte der Bevölkerung hält die Politiker weiterhin für überfordert, weil sie den Herausforderungen der Zeit immer weniger gewachsen sind. Vor allem Familien sind enttäuscht und fühlen sich vernachlässigt und alleingelassen.

Leichte Entspannung: Angst vor Kriminalität sinkt

Ein Konfliktfaktor bleibt nach Ansicht der Bevölkerung die wachsende Fremdenfeindlichkeit, die das Gefühl für das Zuhausesein im Vertrauten beeinträchtigt.

Noch vor einem Jahrzehnt war Kriminalität die größte Sorge der Deutschen. Vor dem Hintergrund wachsender internationaler Spannungen und weltweiter Flüchtlingsbewegungen verliert die Kriminalität im eigenen Land in der Angstskala der Deutschen an Bedeutung. Lediglich Familien mit Jugendlichen im Haushalt machen sich besondere Sorgen. Ansonsten will derzeit jeder zweite Bundesbürger von Kriminalitätsängsten wenig wissen. Erste Anzeichen deuten auch darauf hin, dass die Hasswelle in Deutschland abebbt. Beleidigungen, Hass und Gewaltbereitschaft werden nach Einschätzungen der Bevölkerung nicht weiter zunehmen. Selbst die Enttäuschungen über Politiker, die den Herausforderungen der Zeit immer weniger gewachsen sind, halten sich in Grenzen. Politikerverdrossenheit eskaliert derzeit nicht, fordert aber weiterhin die Demokratie heraus.

Jugend setzt auf bessere Zeiten

Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung erwarten Jugendliche im kommenden Jahr eher bessere Zeiten. Sie sind auch mehr davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft in der Lage sein wird, ein gutes Zusammenleben von Deutschen und Flüchtlingen zu ermöglichen. Sie setzen auf eine bessere Gesellschaft und wollen auch mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.

Sozialer Zusammenhalt: Was die „Generation Z(ukunft)“ erwartet

Zuversichtlich blickt die Jugend in das kommende Jahr: Die Bürger werden wieder mehr zusammenhalten und sich selber helfen. Die unter 20-jährige „Generation Z(ukunft)“ trägt ihren Namen zu Recht: Zukunft ist für sie ein anderes Wort für Hoffnung. 2019 will sie in einem Land der Hoffnung und des sozialen Fortschritts leben. Deshalb schaut die junge Generation auch relativ gelassen in das kommende Jahr.

„No future“ war gestern: Jugend ist zuversichtlich

Die Wiederaufbaugeneration nach dem Krieg war beseelt von dem Gedanken: „Unseren Kindern soll es einmal besser gehen!“ Heute scheint eine ganz andere Forderung realistisch zu sein: „Unseren Kindern darf es künftig nicht schlechter gehen!“ Die Jugendlichen von heute sind krisenerfahren. Als „Generation Krise“ und Krisenprofis wissen sie: Die nächste Krise kommt bestimmt. Sie wissen um die Problematik von Umwelt-, Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen, wollen aber dennoch das Beste aus ihrem Leben machen. Und das heißt: Das Beste aus sich herausholen!

„Ich bin glücklich“

Im Rahmen des Nationalen WohlstandsIndex für Deutschland (NAWI-D), den ich seit 2012 mit dem Ipsos Institut bundesweit durchführe, wurden 1000 Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren nach ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Das Ergebnis: Zwei Drittel der jungen Generation können von sich sagen: „Ich bin glücklich“. Den größten Optimismus in Deutschland demonstriert seit Jahren die U20-Generation, den geringsten die Generation 50plus. Bei den meisten Jugendlichen überwiegt die positive Einstellung zum Leben, ja Zukunftsoptimismus ist angesagt. „No future“ war gestern!