Bergedorf.

Kirchen laufen die Mitglieder davon

Abwanderung  Zahl der Austritte steigt in Bergedorf drastisch

Bergedorf.  Eine ungewöhnlich hohe Zahl von Kirchenaustritten im zu Ende gehenden Jahr bereitet evangelischen und katholischen Kirchenvertretern Kopfzerbrechen. Besonders im Bezirk Bergedorf ist die Zahl der Abtrünnigen sprunghaft gestiegen – laut Standesamt von 597 im Jahr 2017 auf 688 bis zum 21. Dezember 2018. Das bedeutet eine Steigerung um mehr als 15 Prozent.

Besser, aber nicht gut sieht es für den evangelischen Kirchenkreis Hamburg-Ost aus: „Im Jahr 2017 hatten wir 7855 Austritte, im Jahr 2018 werden es etwa 8500 sein“, berichtet Kirchenkreis-Sprecher Wolfgang Främke. Das wäre dann ein Plus von rund acht Prozent. Die Frage nach den Ursachen lässt sich laut Främke noch nicht beantworten: „Dafür müssen wir zunächst einmal die Daten wie Lebensalter, Geschlecht und Wohnort der ausgetretenen Personen erfassen und auszählen.“

Pfarrer Markus Diederich von der katholischen Kirchengemeinde St. Marien in Bergedorf vermutet, dass die Veröffentlichung der von der Deutschen Bischofskonferenz 2014 in Auftrag gegebenen MHG-Studie im Herbst dieses Jahres viele Gemeindemitglieder zum Austritt bewogen hat. Benannt nach den Städten der beteiligten Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen hat die MHG-Studie die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch katholische Geistliche untersucht. Die Wissenschaftler fanden in den Akten 1670 Beschuldigte und 3677 betroffene Minderjährige, davon die Hälfte unter 13 Jahre, im Zeitraum zwischen 1946 und 2014. Diederich: „Das hat sicher zu Austritten auch aus der evangelischen Kirche geführt.“

Unterdessen hofft Pastor Hartmut Sölter, dass an seiner evangelischen Bugenhagen-Gemeinde in Nettelnburg der Kelch vorbei geht: „Ich habe die Liste der Austritte von 2018 noch nicht vom Standesamt erhalten, in den letzten Jahren waren es immer so um die 20.“ Derzeit hat seine Gemeinde etwa 2100 Mitglieder. „Wir verteilen unseren Gemeindebrief an jeden Nettelnburger Haushalt und nicht nur an Mitglieder, sind daher in unserem dörflichen Ortsteil sehr präsent. Aber wir müssen uns fragen, ob wir die modernen Medien hinreichend nutzen. Als ADFC-Mitglied erhalte ich regelmäßig E-Mails von dort, aber von uns gibt es nichts anderes als den Gemeindebrief.“

Pastor Andreas Baldenius von der evangelischen Gemeinde St. Petri und Pauli ordnet das Thema anders ein: „Es gibt auch in den Reihen der Kirche Knallköpfe, aber das sind nicht viele. Auf der anderen Seite steht eine Vielzahl von Angeboten, die wir unterbreiten. Über allem steht aber für mich, dass die Kirche vom Heiligen Geist geführt wird. Und wenn wir schrumpfen, was wir nun einmal tun, ist das eine Wirkung des Heiligen Geistes. Wir stehen da vor einer spirituellen Aufgabe, die wir vielleicht noch nicht verstanden haben.“ Baldenius unterstreicht, dass es sich bei der Abwanderung um ein europäisches Phänomen handelt: „In Südkorea haben die Katholiken großen Zulauf, in den USA die Pfingstler. Wir sollten besser keine marktgängigen Strategien suchen, sondern weiter fröhlich und kraftvoll tun, was wir können, und nicht auf Zahlen schauen.“