Bergedorf

Von Heimatwochen bis „Deutschtum“

Bergedorfs Landsmannschaften Serie zum Buch / 4. Teil

Bergedorf. . Mehr als 30.000 Menschen, Umzüge, Tanzfeste, Feiern – die Heimatwochen waren Bergedorfs größte Volksfeste der Nachkriegszeit: Schon von 1951 und bis in die 1960er-Jahre zogen sie vom Lohbrügger Markt über das Sachsentor bis hinauf zum Billtal-Stadion die Massen an.

Die Organisatoren, Bergedorfs Vertriebenenverbände, verknüpften dabei die alte Tradition hiesiger Schützenfeste und -umzüge mit politischen Forderungen: der Rückkehr in die alte Heimat im Osten, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs an Polen, Russland oder die Tschechoslowakei gefallen war.

„Das ,Recht auf Heimat’ blieb die zentrale Forderung der ersten Heimatwochen. Doch sie leisteten auch einen wichtigen Beitrag zur Integration der vielen Vertriebenen in die Bergedorfer Gesellschaft“, fasst Christian Römmer zusammen, Chef des Kultur- & Geschichtskontors.

Mit einem Historiker-Team hat er die Geschichte der Vertriebenen in Bergedorf im Buch „Wo soll ich denn jetzt hin?“ (116 Seiten; 10 Euro; in allen Buchhandlungen und im Kontor, Reetwerder 17) aufgearbeitet. Sein Fazit: „Diese Verbände repräsentierten einen erheblichen Teil der Bevölkerung im Bezirk. Und sie hatten in Fritz Granzow, dem hiesigen Vorsitzenden der Pommerschen Landsmannschaft, einen sehr umtriebigen Protagonisten.“

Tatsächlich war der im pommerschen Lauenburg, dem heutigen Lebork, geborene Granzow nicht nur Motor der Heimatwochen sondern hat in Bergedorf bis heute seine Spuren hinterlassen. So ist das monumentale „Ehrenmal für die Toten des deutschen Ostens“ auf dem alten Friedhof nach seinen Entwürfen gebaut und nahe des Elbhangs platziert worden – also mit bewusst weitem Blick in die Ferne. Die Anlage aus gemauertem Sandstein und mit mächtigem Kreuz wird geziert von sechs Wappen ehemals deutsch besiedelter Gebiete: Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Schlesien, Oberschlesien und Sudetenland.

Regelmäßige Fackelzüge zum Bergedorfer Rathaus

Zur Einweihung des Ehrenmals kamen 1955 Tausende Gäste. Später war die Gedenkstätte regelmäßig Ausgangspunkt von riesigen Fackelzügen zum Bergedorfer Rathaus. „Das hatte dann weniger mit Trauer zu tun, sondern wirkte eher bedrohlich – und als klares Statement, die Gebiete im Osten wieder für Deutschland zurück zu holen“, sagt Christian Römmer.

Doch Granzow schuf auch andere Stücke der Erinnerung. So baute er den Altstadtkern seiner Heimatstadt Lauenburg im Maßstab 1:250 nach, eigentlich um ihn als Dauerausstellung im Schloss zu zeigen – in zwei Räumen, die als „Erinnerungsstätte an den deutschen Osten“ eingerichtet werden sollten. Was die Bezirksverwaltung 1952 bereits abgesegnet hatte, kam dann aber doch nicht zustande.

Ausstellung „Deutscher Osten – deutsche Heimat“

Doch die Landsmannschaften fanden andere Wege, ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen: In einer Halle am Schulenbrooksweg wurde im Mai 1955 die Ausstellung „Deutscher Osten – deutsche Heimat“ mit Granzows Stadtmodell und zahlreichen anderen Gegenständen eröffnet. Sie sollten die Besucher mit der Kultur und Geschichte der Ostgebiete vertraut machen.

Eröffnet wurde die Schau mit einer Rede von Prof. Walter Kuhn von der Universität Hamburg, der die Stimmung zehn Jahre nach Kriegsende so schilderte: „Ein Drittel des alten deutschen Reiches wird mit Gewalt gezwungen, den 8. Mai als ,Befreiungstag’ durch den sowjetischen Soldaten zu feiern. Das andere Drittel erinnert sich in Wehmut und Trauer der entrissenen heimatlichen Provinzen. Im letzten Drittel jedoch, im Gebiet hinter der Oder-Neiße-Linie, herrscht ein schauriges Schweigen. Dort ist jeder deutsche Laut erstorben, dort ist man dabei, mit Gewalt das Land und die wenigen verbliebenen Menschen ihres Deutschtums zu entkleiden.“

Auch wenn Prof. Kuhn unter den Nazis für die deutsche Besiedelung Zentralpolens und die Vertreibung der Polen verantwortlich war, wie die Autoren des Buches anmerken, so scheint seine Rede doch eine 1955 weit verbreitete Meinung widerzuspiegeln. Unter anderem erschien im Lichtwark-Heft des Jahres ein Aufsatz unter der Überschrift „Unverlierbare Heimat“.

In Bergedorf ging der Einfluss der Landsmannschaften in den folgenden Jahren deutlich zurück, vor allem als Fritz Granzow 1960 völlig überraschend starb. Die Heimatwochen, da schon mit anderen Feiern wie dem Hamburger Hafengeburtstag zusammengelegt, endeten 1964.