Boberger Niederung

Dioxin-Belastung höher als auf Boehringer-Gleände

In der Boberger Niederung werden Bodenproben entnommen.

In der Boberger Niederung werden Bodenproben entnommen.

Foto: Umweltbehörde / Wiebke Schwirten

Boberg. Noch nie wurde in Hamburg derart verseuchter Boden entdeckt wie im Naturschutzgebiet. Verursacher möglicherweise Boehringer.

Boberg.  Der Dioxin-Fund im Naturschutzgebiet Boberger Niederung ist weit alarmierender als bislang öffentlich bekannt war. Wie Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) und Experten aus der Behörde für Umwelt und Energie (BUE) gestern mitteilten, ist die Belastung der Bodenprobe mit dem krebserregenden Stoff die höchste, die bisher in Hamburg gemessen wurde. Die Behörde geht zurzeit aber nicht von einer akuten Gefährdung der Bevölkerung aus.

Laut BUE wurde in einer ersten Untersuchung auf einer Teilfläche der jetzt abgesperrten vier Hektar zwischen den Parkplätzen Unterberg und Walter-Hammer-Wanderweg eine Dioxin-Konzentration von bis zu 721 Mikrogramm pro Kilogramm Boden festgestellt. Der gesetzliche Schwellenwert liegt bei einem Mikrogramm. Selbst auf dem inzwischen eingekapselten, wasserdicht verschlossenen Boehringer-Gelände in Moorfleet wurden im Jahre 1984 „nur“ bis zu 400 Mikrogramm gefunden.

Giftcocktail hat den „Boehringer-Fingerabdruck“

Zwar steht der Verursacher der Verunreinigung in dem Naturschutzgebiet nicht fest. Das nachgewiesene, krebserregende Gemisch aus 17 Giftstoffen deutet aber auf Produktionsreste des Pflanzenschutzmittelherstellers Boehringer hin. Es gebe einen „spezifischen chemischen Fingerabdruck“, erläuterte BUE-Altlastenexperte Thomas Haupt. Wer das Erdreich dort verseucht hat, ist weiterhin unklar. Polizei und BUE ermitteln. Die Behörde hat zudem Boehringer zu einem Gespräch gebeten.

Ein Anhaltspunkt: „Ein Luftbild aus dem Jahre 1962 zeigt, dass damals hier eine Baustraße verlief“, so Thomas Haupt. Das legt den Verdacht nahe, dass dort belastetes Erdreich und Bauschutt abgeladen wurden. Ob illegale Industrieabfälle darunter waren, ob sie oberflächlich aufgetragen wurden oder auch in tieferen Erdschichten liegen und auch, wie großflächig die Vergiftung des Bodens ist, sollen weitere Untersuchungen zeigen.

Die insgesamt vier Hektar wurden in 18 Teilflächen aufgeteilt, die zeitgleich beprobt werden. Auch Pflanzen, Beeren, Pilze und Fische werden untersucht. Da die Analyse der Proben aufwendig sei, würden die Ergebnisse erst im Januar kommenden Jahres feststehen. Auch dann wird erst klar sein, wie stark Menschen in der Vergangenheit möglicherweise durch den Verzehr von Pilzen oder Fischen betroffen sein könnten. Zwei Angelvereinen wurde die Nutzung der benachbarten Teiche bereits untersagt.

Kosten einer Sanierung offen

„Wir nehmen diesen Vorfall sehr ernst. Egal ob es sich um einen punktuellen oder größeren Bereich handelt: Schon jetzt ist das ein schweres Umweltvergehen“, sagte Umweltsenator Jens Kerstan gestern. Da derart schwere Umweltvergehen nicht verjähren, könnte der Verursacher auch heute noch juristisch belangt werden, wie der Staatsrat der Umweltbehörde, Michael Pollmann, betonte. Wie teuer eine Sanierung wird, ist noch völlig offen. Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz in Hamburg, mutmaßt einen zwei bis dreistelligen Millionenbetrag.

Wie die Sanierungsmaßnahmen für das betroffene Areal in dem Naturschutzgebiet aussehen werden, hänge vom Ausmaß der Verunreinigung ab und könne erst nach Abschluss der Untersuchungen geklärt werden, betonte Umweltsenator Jens Kerstan: „Sanierungsmaßnahmen sind reine Spekulation.“

Ausheben und verbrennen oder einkapseln?

Bei einer rein punktuellen Versuchung müsste die vergiftete Erde ausgehoben und verbrannt werden. Im schlimmsten Fall, bei einer großflächigen Kontamination, würde das Areal eingekapselt, also zu allen Seiten und zur Oberfläche wasserdicht verschlossen. Das ist beispielsweise bei der Deponie Georgswerder geschehen, ebenso mit dem früheren Werksgelände von Boehringer an der Andreas-Meyer-Straße.

Eine Einkapselung könnte für die Hansestadt teuer werden. Die Abdichtung des Müllbergs in Georgswerder hat rund 95 Millionen Euro verschlungen, die des Boehringer-Geländes erheblich mehr. Das Unternehmen Boehringer Ingelheim hat bislang etwa 170 Millionen Euro aufgewendet, könnte laut alter Senatsverträge aber vermutlich nicht für Schäden außerhalb des Werks belangt werden.

Anwohner-Info am 13. November

Umweltschützer fordern eine umfassende Information der Bevölkerung, da das Gebiet als Naherholungsfläche genutzt wurde. Dem will sich auch die Behörde nicht verschließen: Anwohner und interessierte Bürger sollen bei einer Versammlung am Dienstag, 13. November, 18 Uhr, in der Stadtteilschule Mümmelmann (Mümmelmannsberg 75) aufgeklärt werden.