Bergedorf

„An Bauen führt kein Weg vorbei“

Experten sind uneins über Bauboom und Flächenfraß – Bürger machen Front gegen weiteren Zuzug

Bergedorf. . 70 interessierte Zuhörer haben im Bergedorfer Schloss am Montagabend die Podiumsdiskussion „Verbietet das Bauen“ verfolgt. Der Titel basiert auf dem provokanten, gleichnamigen Buchtitel von Daniel Fuhrhop, der an der lebhaften Diskussion teilnahm. Im Anschluss nutzten die Bürger die Chance, die komplette Bandbreite des Themenkomplexes auszuloten.

Eine Hauptfrage aus dem Plenum lautete, warum in Hamburg die städtische Infrastruktur nicht mit dem Einwohnerzuwachs mithalte. Mehr noch als der Bevölkerungszuwachs befeuern die steigende Zahl an Single-Haushalten und der Wunsch nach mehr Wohnfläche die Entwicklung, entgegnete Bergedorfs Bezirksamtsleiter Arne Dornquast. Eine weitere Frage war mit der Forderung verbunden, Hamburg solle seine knappen Flächen nicht an Spekulanten verkaufen, sondern besser in Erbpacht vergeben, damit ein Stück weit die Kontrolle darüber behalten.

Zudem wollten Zuhörer wissen, warum die Hansestadt weiter Unternehmen aus Flächenländern an die Elbe locke, obwohl mit dem Zuzug der Mitarbeiter die Wohnungsnot weiter verschärft werde. Dazu Gustav Bönig aus Bergedorf: „Wir bauen Hamburg zu. Und in Mecklenburg und im Weserbergland stehen immer mehr Wohnungen leer.“ Ländergrenzen übergreifende Zusammenarbeit, besser noch ein Nordstaat, erschien vielen Teilnehmern als ein geeigneter Ansatz, um solchen Problemen zu begegnen.

Unterschiedliche Einschätzungen, aber auch überraschend großes Einvernehmen zeigten die Experten zu anderen Kernfragen. Wer etwa angenommen hatte, Marko Lohmann, Vorstand der Baugenossenschaft Bergedorf-Bille, und Morlen Gohl (Bürgerinitiative „Bergedorf stellt alles in den Schatten“) würden gegensätzliche Meinungen zur Einbindung der Bürger in Planungsprozesse vertreten, sah sich getäuscht. Wachsende Bürgerbeteiligung sehe er nicht als Investitionshemmnis, erläuterte Lohmann auf Nachfrage von Moderator André Herbst, Lokalchef der Bergedorfer Zeitung. Vielmehr sei es zukünftig immer wichtiger, eine breite Basis für zielgenaue Bauvorhaben zu erreichen. „Baugenossenschaften planen sehr langfristig“, betonte Lohmann.

Auf Sicht sollen die großen Bauprojekte Stuhlrohrquartier und Oberbillwerder die Attraktivität Bergedorfs befeuern, forderte Dornquast: „Die Menschen kommen zu uns nach Bergedorf, egal ob aus Buchholz oder Bagdad.“ Das lasse sich kaum verhindern.

Doch wird dafür nicht zu viel Fläche versiegelt? Derzeit 66 Hektar – jeden Tag in Deutschland. Buchautor Fuhrhop, ein Verfechter von „ersten Spachtelstrichen anstelle von ersten Spatenstichen“ macht sich für Haussanierungen anstelle Abriss und Neubau stark. Sein Credo: Neubauten seien immer teurer und ressourcenverschwendend.

Baugenosenschaftler Lohmann hält dagegen: „An Bauen führt kein Weg vorbei. Man kann doch nicht nur Gebäude aus den 50er-Jahren modernisieren.“ Dass Häuser heutzutage extremeren Umständen trotzen müssen, zeigte Himmelfahrt 2018, als Starkregen insbesondere in Lohbrügge vieles zerstörte. Sicherheit vor derartigen Ereignissen sei ein genauso großes Thema wie schlüssige Verkehrskonzepte: „Eigentlich sollte man sich über Bauvorhaben wie Oberbillwerder keine Gedanken machen, so lange diese Fragen nicht geklärt sind“, forderte Ulf Hellmann-Sieg, Vorsitzender des Grundeigentümervereins Bergedorf.

Bau-Skeptiker Fuhrhop kritisierte auf Fragen aus dem Publikum das Hamburger Radverkehrskonzept als wenig nachhaltig, verwies auf Vorbilder wie Tübingen: „Wenn ich da Hamburg sehe: Schmeißen Sie ihren Entwurf weg, fangen Sie noch mal neu an.“

Was vor allem an diesem Abend klar wurde, das scheinbar ungebremste Bauen beunruhigt viele Bürger. Wiebke Hildener aus Farmsen mahnte: „Wachstum ist immer endlich. Nur wir Menschen nehmen uns das Recht, es bis ins Unermessliche auszureizen.“