Bergedorf.

Ein Leben für den Augenblick

Welt-Alzheimer-Tag nächsten Mittwoch vor St. Petri und Pauli

Bergedorf.  Der kleine Roboter wünscht freundlich einen guten Tag, gibt die Hand zur Begrüßung und spielt die Lieblingsmusik am Krankenbett. Aber ist so eine „sprechende Pflege-Puppe“ ethisch vertretbar? Darüber wird viel diskutiert im Ethikausschuss der Deutschen Alzheimergesellschaft, in dem Jens Reinders seit vier Jahren als einziger Mediziner zwischen Sprachwissenschaftlern, Pastoren, Philosophen und Juristen sitzt. Die Spannweite liegt zwischen technischer Faszination und einem „irgendwie gruseligen Gefühl“, sagt der Bergedorfer Facharzt für Neurologie und Psychiatrie.

Die Stellungnahmen der Arbeitsgemeinschaft seien oft nachgefragt, wobei es selten pauschale Empfehlungen gebe: „Man muss differenziert abwägen.“ Das gelte auch für die Brille, durch die Patienten ihre ehemalige Wohnstraße sehen oder in einem Wald stehen. Kann diese „virtuelle Realität“ dementen Menschen helfen?

Unter dem Motto „dabei und mittendrin“ wird das Thema Demenz präsent, wenn nächsten Mittwoch, 19. September, der Welt-Alzheimer-Tag vor der Kirche St. Petri und Pauli begangen wird: Zwischen 11 und 18 Uhr lädt das Bergedorfer Demenz-Netzwerk unter neuer Leitung von Marita Pahl (Haus Billtal), Marion Meyer (Diakonie) und Jens Reinders ein, sich über Hirnleistungsstörungen zu informieren. Vor allem der Abbau von Scham und Ängsten sowie eine frühe Diagnostik seien wichtig: Hoher Blutdruck etwa sei ein Risikofaktor. Auch könne die Lebensqualität länger erhalten, wer überschüssiges Nervenwasser im Gehirn abgibt, so der 49-Jährige: „Bei einem einfachen Eingriff wird ein Abflussschlauch mit Druckventil verlegt.“ Meist sei die Angst vor der Krankheit deutlich größer als die vor der helfenden Operation.

„Mir geht’s gut, Herr Doktor. Ich bin nur hier, weil meine Tochter sich Sorgen macht.“ Einen solchen Satz hört Reinders häufiger in seiner Praxis am Bergedorfer Markt. Da ist meist längst nicht mehr von verlegten Hausschlüsseln die Rede, vom vergessenen Namen des Nachbarn oder von unkonzentrierten Gesprächen. „Manchmal versteht der langjährige Bankkaufmann seine eigene Kontoführung nicht mehr. Oder die Tochter will Mutter wie verabredet um 12 Uhr abholen, die ist aber völlig unvorbereitet, weil sie das Telefonat vom Vorabend vergessen hat“, berichtet Reinders.

Mit seinen beiden Praxis-Kollegen hat er zuletzt gezählt, dass zwölf Prozent der Patienten eine Demenzerkrankung haben. Zudem werden ein Dutzend Pflegeheime in Bergedorf betreut, alle vier bis sechs Wochen eine Visite angeboten: „Da sind es 58 Prozent der Bewohner. Manche haben ein durchaus herausforderndes Verhalten, werden aggressiv oder ablehnend.“ Was tun? Ein betont moderater Einsatz von Psychopharmaka sei durchaus sinnvoll – „allein, wenn sich jemand ständig verfolgt oder bedroht fühlt“.

Demenz heißt, sich von der Vergangenheit zu verabschieden. Wenn die Erinnerungen verblassen, wird der Augenblick zum Lebensinhalt. Dann geht es darum, sich geborgen zu fühlen und möglichst lange im gewohnten Umfeld zu bleiben. Denn „ein Wechsel ist oft mit deutlicher Verschlechterung verbunden“, weiß Reinders, der auch hier abwägt, ob man die Wohnung einer anonymen Großstadt bewohnt oder sich auf einen dörflichen Zusammenhalt verlassen kann.

Dementen-WGs in Lohbrügge und Geesthacht

Vorbildlich seien Dementen-Wohngemeinschaften wie etwa in Lohbrügge und Geesthacht: „Da gibt es eine intensive Betreuung, wird gemeinsam gekocht. Und in der Wohnküche kann man einen Mittagsschlaf auf dem Sofa halten.“

Dass auch Kuscheltiere hilfreich sind, werden die „Spiele zur Anregung der Sinne“ zeigen, die am Mittwoch vor der Kirche an der Alten Holstenstraße gezeigt werden. Außerdem bietet das Kultur- & Geschichtskontor von 14.45 Uhr an einen „demenz-sensiblen Stadtteilrundgang“: In der folgenden Stunde werden etwa alte Fotos gezeigt, die Senioren an die eigene Jugend erinnern, als vielleicht hier noch Brautmode verkauft wurde und dort die Fassade ganz anders aussah. Einen Vortrag über Gedächtnisstörungen beginnt Jens Reinders um 15 Uhr im Petri-Saal der Gemeinde, zudem will die Kantorei um 16.30 Uhr Gesang anstimmen.