Bergedorf.

Spagat für den Einzelhandel

GMA-Gutachten  Experten wollen City schützen und Geschäfte für Marschlande

Bergedorf.  Der boomende Online-Handel fordert den stationären Einzelhandel. Für ein Gesamthonorar von 170 000 Euro hat das Hamburger Marktforschungsinstitut GMA für jeden der sieben Hamburger Bezirke ein Einzelhandelskonzept erstellt. Das 180-Seiten-Papier für Bergedorf stieß bei Bezirkspolitikern auf Kritik, weil es die Situation eher beschreibt als Handlungsempfehlungen gibt.

„Damit wir das Angebot räumlich steuern, das Kaufkraftpotenzial optimal platzieren und bewährte Versorgungsbereiche schützen können, brauchen wir unter anderem eine fundierte Bestandsaufnahme aller Einzelhandelsstandorte. Sie muss nach einheitlichen Kriterien klassifiziert und bei Bedarf auch gerichtsfest sein.“ Mit diesen Worten verteidigt Eva Herr, Chefin der Bergedorfer Stadtplanung, das vergangene Woche vorgelegte Papier.

Die GMA hat die Datenbasis auch zum Vergleich der Bezirke genutzt. In den ehemals selbstständigen Städten Altona, Harburg, Wandsbek und Bergedorf konzentriert sich der Einzelhandel bis heute stärker in den gewachsenen Zentren. Weitere Erkenntnis: Was die relevanten Warengruppen Bekleidung, Schuhe und Sport anbelangt, landet Bergedorf nur auf Platz drei. Harburg und Eimsbüttel haben Dank größerer Karstadthäuser und Einkaufszentren mehr Verkaufsfläche.

Auf Vorbehalte stößt die Einschätzung der GMA, das Stuhlrohrareal stehe als künftiges Wohngebiet „für Fachmärkte nicht länger zur Verfügung“. Angesichts der Runden Tische zur Vermeidung eines Bürgerentscheids gegen das Wohnbauprojekt (einschließlich der Forderung nach mehr Einzelhandel), der ungeklärten künftigen Nutzung der denkmalgeschützten Stuhlrohrhallen und der Frage, wo Megazoo oder Musik von Merkl bezahlbare Ladenflächen finden, scheint Ärger programmiert.

Eva Herr baut dem Eindruck vor, die Würfel seien gefallen: „Wir sind im Planungsprozess, es laufen Gespräche.“ Hintergrund: In der Abstimmung mit den anderen Bezirken konnte Bergedorf nicht verhindern, dass Fahrrad- wie Musikalienhandel als zentrumsrelevant eingestuft wurden. Herr: „Der Vorteil ist, die Maßstäbe sind jetzt hamburgweit einheitlich. Dadurch besteht größere Planungssicherheit für alle.“

Das müsse nicht das Aus für das über Bergedorf hinaus bekannte Musikhaus Merkl bedeuten, sagt Stadtplaner Axel Schneede. Es werde nach Alternativflächen gesucht, etwa in Lohbrügge, wo um den Sander Markt neue Läden entstehen sollen. Auch ein Verbleib an der Stuhlrohrstraße sei nicht ausgeschlossen. „Mit seinem kulturellen Veranstaltungsangebot ist von Merkl mehr als nur ein Geschäft.“

Zudem werde das Quartier nicht ganz ohne Einzelhandel auskommen: „Für vielleicht 2500 Bewohner scheint Nahversorgung mit bis zu 800 Quadratmetern sinnvoll“, so Schneede. Es solle aber beim Ausschluss zentrumsrelevanter Sortimente bleiben. „Ziel eines Einzelhandelskonzeptes ist es, zentrale und gewachsene Lagen zu schützen und damit auch zur Attraktivität Bergedorfs beizutragen“, umreißt Eva Herr die Aufgabe. „Entwicklungen, die diese Lagen schwächen, können durch das Konzept verhindert werden.“ So Konkurrenz durch Einkaufszentren auf der grünen Wiese, oder dadurch, „dass Fachmärkte im Umfeld ihre Sortimente mit zentrumsrelevanten Waren ausweiten“.

Dass Handlungsvorgaben Mangelware im vorliegenden Papier sind, liegt für sie in der Natur der Sache: „Wir brauchen für die Umsetzung von Maßnahmen meist einen Gegenpart, so die Bereitschaft von Eigentümern, Ladenflächen zusammenzulegen.“ Der Mangel an ausreichend großen Verkaufsflächen ist an Alter Holstenstraße wie Sachsentor ein Grund für Leerstände.

Zum Schutz der Bergedorfer und Lohbrügger Innenstadt und dem Erhalt von kleinen Nahversorgungslagen wie dem Grachtenplatz in Neuallermöhe kommen aus GMA-Sicht weitere Aufgaben. So soll, wie bereits in Planung, ein Nahversorgungszentrum im Neubaugebiet zwischen Weidenbaumsweg und Schleusengraben entstehen. Mit einem größeren NVZ in Ochsenwerder und einem Nahversorger in Moorfleet nahe Ikea soll ein weißer Fleck im Bezirk behoben werden. „Damit wären nach den Vierlanden auch die Marschlande ausreichend versorgt“, sagt Axel Schneede.

Perspektivisch kann sich die GMA neuen Einzelhandel nicht nur am Nordende der Alten Holstenstraße in Lohbrügge vorstellen, sondern auch an der B 5, wo derzeit noch die Post-Container stehen. Ein Fachmarkt auf der früheren Max-Bahr-Fläche an der Kurt-A.-Körber-Chaussee stößt auf Ablehnung. Herr: „Dabei ist auch ein Problem, dass Möbelhäuser auf ein großes Angebot von Accessoires setzen. Die sind aber zentrumsrelevant.“