Boberg

„Don’t cry“ zum Abschied von der Weinstube

Weinhaus an der Bergstrasse Ab Mai will sich Ehepaar Günther mehr auf die Gesundheit konzentrieren

Boberg.  Alle Stammkunden und Nachbarn haben noch die große Auswahl: Nehmen sie die Neun-Liter-Flasche „Urschrei“ oder den österreichischen Sauvignon mit dem klangvollen Namen „Don’t cry“. Jedenfalls fließen bei Nicole (47) und Carsten Günther (48) schon ein paar Tränchen, denn die beiden werden Ende April ihr „Weinhaus an der Bergstraße“ schließen.

Notgedrungen geht in dem Haus Am Langberg 104 die Thekenbeleuchtung aus: Die Inhaber haben schlichtweg so viel gearbeitet, dass inzwischen ihre Ärzte dazu raten, das Leben etwas geruhsamer anzugehen. Da die Kinder andere Interessen haben und kein Fremder das Herzensgeschäft übernehmen soll, wird der Weinhandel außer Haus verlagert: „Wir wollen Weinproben anbieten und als Zwischenhändler zu den Weingütern auftreten“, sagt das Ehepaar – und wird zugleich genügend Arbeit mit der Vermietung ihrer acht Apartments haben: Hafengeburtstag und Harleydays sind beliebte Daten, zudem kommen Geschäftsleute und Begleiter von Patienten der Unfallklinik aus der ganzen Welt nach Boberg.

Und viele fragten, warum das Weinhaus denn bitte an einer „Bergstraße“ liege – wo hier doch alles flach ist! Das liegt jedoch am Großvater, denn der gründete 1951 einen Weinhandel in Altona – an der Bergstraße. „Aber das ganze Viertel wurde abgerissen, als der Bahnhof gebaut wurde. Dann hat Opa Mitte der 50er-Jahre in Boberg eine alte Postkartenfabrik gekauft. Damals führte hier noch die Bundesstraße durch bis direkt ins Sachsentor“, erzählt Carsten Günther, der das Geschäft schließlich von seinem Vater übernahm: „Ich hatte zehn Jahre bei der Haspa gearbeitet, als ich 1996 in den Weinhandel einstieg und die Gastronomie um Salate, Flammkuchen und Riesengarnelen erweiterte.“ Ehefrau Nicole war in Küche und Büro fleißig, liebte die Einkäufe für Präsentkörbe und ihren „Mädchen-Laden“ mit hübschen Kissen, Decken, Marmeladen und Taschen.

Allen Nachbarn zum Trost: Auch weiterhin wird es die „Boberger Spirituosen“ geben, lassen sie nach Großvaters Hausrezepten Gin und Rum, Wodka und Kümmel herstellen. Und auf jeden Fall haben die Günthers noch ein paar Schätzchen im Keller, etwa einen sehr raren Burgunder (Jahrgang 1980) aus dem Weingut Albert Bichot. Wer 395 Euro pro Flasche springen lässt, kann mit den Weinhändlern auf eine gute Gesundheit anstoßen.