Lohbrügge

„Türkische Republik geht trotz Erdogan nicht unter“

Gewerkschafterin Yasar Seyman fordert mehr Demokratie und Gleichberechtigung für Frauen

Lohbrügge.  Inhaftierte Journalisten, unter Druck gesetzte Gewerkschaften und eine verängstigte Zivilgesellschaft: „Erst in der dritten Legislaturperiode ist die demokratisch gewählte AKP immer autoritärer geworden. Aber unsere 95 Jahre alte Republik wird trotzdem nicht untergehen, der Widerstand gegen die Diktatur wächst“, ist Yasar Seyman zuversichtlich. Die 63-Jährige ist Gewerkschaftssekretärin für das türkische Bank- und Versicherungswesen, zudem Vorstandsmitglied der türkischen Sozialdemokraten. Im „Haus brügge“ appellierte sie gestern für die Aufnahme der Türkei in die EU: „Wir brauchen diese Unterstützung. Mit Geld allein kann man sein Gewissen nicht freikaufen“, mahnte sie.

Auf Einladung des Alevitischen Kulturvereins Bergedorf (BAKM) sprach die Frauenrechtlerin vor 300 Teilnehmern der Tagung „Gleichberechtigung Hier und Jetzt“ – und skizziert eine gesellschaftliche Entwicklung: „Bei einer Demo wurden acht Jugendliche von türkischen Sicherheitskräften erschossen. Deren Mütter hätten früher Trauergedichte geschrieben. Jetzt aber gehen sie als Aktivistinnen auf die Straße und protestieren gegen die Diktatur.“

Türkische Frauen sollten für ihre Überzeugungen einstehen, aktiv an Versammlungen teilnehmen und sich souverän gegen dominante Männer durchsetzen: So lauteten die Ergebnisse eines Workshops, der auch mehr politische Teilhabe migrantischer Frauen in Deutschland fordert: „Wir wünschen das kommunale Wahlrecht für Nicht-EU-Bürger, die hier eine Aufenthaltsgenehmigung haben“, sagte die Buchhalterin Saduman Karaman.

Der Wunsch nach mehr Austausch mit evangelischen Gemeinden stand beim „interreligiösen Dialog“ im Vordergrund. Ein weiterer Workshop beschäftigte sich mit migrantischen Frauen im deutschen Arbeitsleben und schilderte Beispiele: Da wäre die belesene „Import-Braut“, die nach Deutschland verheiratet wird. Doch der ungebildeten Familie des Kraftfahrers erscheint sie als „aufmüpfig“ – und verfällt in Depressionen. Und da gibt es die 16-Jährige aus der osttürkischen Provinz, die in Izmir heiratet und fürchtet, ihr Mann sei ein „Weichei“, weil er bügeln, putzen und kochen kann. „Auch unsere Töchter dürfen Autoreifen wechseln und davon träumen, Astronautin zu werden“, forderte die Hebamme Esma Cetin eine gleichberechtigte Erziehung auch in muslimischen Familien.

„Wir sollten die höhere Frauenquote im leitenden Bereich forcieren“, folgerte Übersetzer Erhan Erdogan und schloss sich dem BAKM-Vorsitzenden Alper Dogan an: „Es müssen in Bergedorf viele Veranstaltungen folgen.“