Bergedorf/Winterhude

Marcel Nolte lächelt wieder

Odyssee ist beendet  Traum von Blinden-WG hat sich erfüllt

Bergedorf/Winterhude.  Marcel Nolte ist endlich angekommen: Seit vier Wochen lebt der 30-jährige Ex-Neuallermöher in einer Wohngruppe der Blindenstiftung am Stadtpark. „Ich fühle mich pudelwohl hier“, sagt er und kann sieben Monate nach dem Tod seines Vaters Dieter Nolte erstmals wieder richtig lächeln.

Eine halbjährige Odyssee liegt hinter dem Sohn, der plötzlich und völlig unvorbereitet allein dastand. Zunächst kam er „provisorisch“ im Bethesda Krankenhaus unter. Dann musste er monatelang im Senator-Ernst-Weiß-Haus der Blindenstiftung unter Senioren leben, fand so gut wie nie eine Begleitung, um einfach mal rauszugehen.

Das ist jetzt anders: Bis zu fünf Betreuer stehen bereit, um die Bewohner der WG am Südring zu unterstützen. Hier leben fünf Männer und drei Frauen im Alter von 19 bis 41 Jahren. Alle sind blind, viele haben wie Marcel weitere leichte Behinderungen. Jeder bewohnt ein eigenes Zimmer. Es gibt eine gemeinsame Küche und einen großen Gruppenraum, in dem die Bewohner einen Teil ihrer Freizeit verbringen.

Auf dem Tagesplan steht für Neuankömmlinge wie Marcel das „lebenspraktische Training“. Mit Unterstützung der Betreuer wird kochen gelernt, auch Wäsche waschen und natürlich einkaufen. Ziel ist ein möglichst selbstständiges Leben, vielleicht später sogar in einer eigenen Wohnung. Dann haben sie auch einen Job, oft in einer Behinderten-Werkstatt.

Dass Marcel Nolte den Platz bekommen hat, ist trotz der gefühlt unendlichen Wartezeit ein Glücksfall: Seine WG mit dem Namen „Michel“ ist gerade erst neu eingerichtet worden – als dritte im Haus am Stadtpark. Die Blindenstiftung trägt damit dem Trend Rechnung, ihre Betreuten so weit wie möglich in die Lage zu versetzen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Einige von Marcels Mitbewohnern bereiten sich deshalb bereits darauf vor, in den kommenden Jahren in die eigenen vier Wände zu ziehen. Ob das auch für ihn der richtige Weg sein wird, muss sich zeigen.

Bisher ist er einfach nur glücklich über den guten Kontakt zu seinen Mitbewohnern. Mit Nachbar André Juhls (19), der aus Lauenburg stammt und Schlagzeug spielt, macht Marcel als begeisterter Keyboarder bereits Musik. Beide wollen einen Band gründen, haben schon einen der Betreuer als Sänger gewonnen.