Armutsbericht

Jedes 7. Kind lebt in "relativer" Armut

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Bergedorf. Die Mittagstische in den Spielhäusern am Kurt-Adams-Platz und Friedrich-Frank-Bogen sollen auch weiterhin mit jährlich 6000 Euro Bezirksmitteln unterstützt werden. Dies entschied der Jugendhilfeausschuss nach einem Grundsatzreferat über Kinderarmut.

Die Kleidung vom älteren Bruder auftragen, hungrig in die Schule gehen, neidische Blicke auf das neue Handy-Modell des Freundes, der am Nachmittag ins Kino geht … Was viele Bergedorfer Sozialpädagogen aus ihrer alltäglichen Arbeit kennen, hat Dr. Ulrike Voigtsberger nun dem Jugendhilfe-Ausschuss aus wissenschaftlicher Sicht vorgestellt: Auf Wunsch der Bergedorfer Linken referierte die HAW-Professorin (Department für soziale Arbeit) über das Armuts-Risiko von Kindern.

Während die absolute, also lebensbedrohliche Armut weltweit so definiert wird, dass nicht mehr als 1,25 Dollar täglich zur Verfügung stehen, sei in Deutschland der Blick vor allem auf die Armutsgefährdung zu richten, wenn also nur 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens zur Verfügung stehen. Von relativer Armut spreche man bei 40 Prozent: „Jedes siebte Kind unter 15 Jahren lebt in relativer Armut, in Ostdeutschland ist es sogar jedes vierte Kind“, so Voigtsberger.

Der Entwurf für den vierten Armutsbericht in der Bundesrepublik ist noch nicht verabschiedet, schon jetzt sei klar, dass weniger Kinder von Hartz-IV leben – was jedoch schlichtweg mit der Bevölkerungsentwicklung zusammenhänge. Und Zahlen sagen allein nicht immer viel aus: „Die Unicef richtet sich nach sechs Kriterien für den Index des kindlichen Wohlbefindens, der die gegenwärtige Situation samt Entwicklungschancen mit einbezieht“, differenziert Voigtsberger.

Die Hälfte der Alleinerziehenden hat keine Ausbildung

Unverändert seit mehr als 20 Jahren tragen Kinder alleinerziehender Mütter ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie andere Kinder. Die Hälfte dieser Mütter habe keine Berufsausbildung, trage einen hohen psychischen Stress durch Verarmung – und doch: „Sie wollen nicht auffallen, verzichten selbst auf vieles, alles Geld ist für die Kinder.“ Aber nicht für alle Alleinerziehenden dürfe das gleiche Rundum-Programm an Hilfsangeboten gelten: „Kämpferinnen brauchen etwas anderes als die, die aufgegeben haben“, meint Voigtsberger.

Auch die Zahl der Kinder (mehr als drei) ist laut Statistik nach wie vor ein Armutsrisiko, ebenso wie ein Migrationshintergrund. Erst in der dritten Generation verringere sich dies stark.

Was also ist zu tun? Es gebe viele politische Möglichkeiten, „die jedoch nicht immer kostenneutral sind“, sagt Voigtsberger, die an Ganztagsschulen und Eltern-Kind-Zentren denkt, an günstige Mieten und eine Anpassung der Regelsätze für Kinder.

„Wir können die Armut nicht mildern, aber individuellen Folgeerscheinungen so begegnen, dass die Menschen ihre Würde nicht verlieren“, meint Michael Böckenholt. Der Leiter des Jugendzentrums Vierlande hofft, dass sich jede Einrichtung darüber Gedanken macht, die Politik das Thema weiterhin im Blick hat – „sonst sind wir nur eine Schnack-Bude hier“.

Danach war es für Bergedorfs Jugendpolitiker ein Leichtes, das Fortbestehen der beiden Mittagstische in den Spielhäusern am Kurt-Adams-Platz und Friedrich-Frank-Bogen zu beschließen – weiterhin werden beide mit jährlich 6000 Euro unterstützt.

Bergedorf-West: Sorgenkinder streunen mittags herum

Die meisten Sorgenkinder des Bezirks leben in Bergedorf-West: Leben hamburgweit 22 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren von Transferleistungen (SGB II), sind es in Bergedorf-West 39 Prozent (beim Bergedorfer Spielhaus Friedrich-Frank-Bogen. Dessen Leiterin Regine Peters sagt: „Viele stehen vor der Tür, sobald die Schule aus ist.“

Dass es an vier Tagen – ab August sogar an fünf Tagen – auch in der Grundschule am Friedrich-Frank-Bogen ein Mittagsessen gibt, wird längst nicht von allen Eltern begrüßt: „Manche haben mehrere Kinder, wollen lieber selbst kochen“, sagt Schulleiterin Maria Werner, die aber auch weiß, dass andere Kinder durch den Stadtteil streunen. Vermutlich die Hälfte aller Eltern wird das Konzept der offenen Ganztagsschule – samt Essen und Hausaufgabenbetreuung – annehmen. Werner: „Das Konzept ist freiwillig, auch arme Eltern lassen sich nicht zwingen.“

Dabei seien viele Kinder in Bergedorf-West tatsächlich arm, was sich unter anderem dann zeigt, wenn Anträge zu Klassenfahrten oder Ausflügen gestellt werden: „Wir haben maximal 20 Prozent Vollzahler.“