Winternotprogramm

Nur wer Deutsch spricht, kommt rein

Foto: BGZ / Anne Strickstrock / Anne Strickstrock

Neuallermöhe. Nach einem Jahr Pause beteiligt sich die Franz-von-Assisi-Gemeinde wieder am Winternotprogramm. Ein neues Konzept soll verhindern, dass die Einrichtung durch von Schleppern angelockten Wanderarbeitern missbraucht wird.

Ihre Worte der Nächstenliebe verhallten. Sicher, es gab dankbare Blicke, doch reden konnten sie mit ihren Gästen nicht. Vor zwei Jahren verzweifelte das ehrenamtliche Team rund um die Obdachlosenversorgung an der Franz-von-Assisi-Kirche: „Die meisten Männer kamen aus Osteuropa und verstanden kein Wort Deutsch. Und mindestens die Hälfte aller Gäste waren Schwarzarbeiter, die von Neppern angelockt worden waren und nur 2,50 Euro pro Stunde bekamen“, klagt Teamleiter Frank Müller.

Deshalb standen 2011 in Neuallermöhe keine Container fürs Winternotprogramm. Jetzt aber soll es Anfang November weitergehen – wenn auch nur mit sechs statt bislang zehn Betten für Wohnungslose. Und das christliche Team hat sich ein Konzept überlegt: „Wir nehmen keine Wanderarbeiter, sondern möglichst nur noch Berber, die Deutsch sprechen“, sagt Müller, der dies auch der Vermittlungsstelle an der Bundesstraße weiterleitet, „notfalls suchen wir uns selbst die Leute auf der Mönckebergstraße“.

Die Neuallermöher waren mit die ersten, die sich vor zwei Jahren aufgelehnt hatten. Das Thema wurde hamburgweit zum Politikum: Die Sozialbehörde reagierte und richtete am Besenbinderhof 60 eine Anlaufstelle für osteuropäische Obdachlose ein. Nach Beratungen in ihrer Muttersprache – meist Rumänisch, Polnisch oder Bulgarisch – seien 50 Obdachlose „auf eigenen Wunsch“ in ihre Heimat zurückgekehrt: Fahrkarten und Reiseverpflegung wurden gewährt.

Selbstverständlich gelte der Erfrierungsschutz für alle Obdachlosen, egal welcher Nationalität. „Aber wir wollen verhindern, dass Menschenhändler und skrupellose Arbeitgeber die Osteuropäer mit falschen Versprechungen nach Hamburg locken und für einen Hungerlohn hier arbeiten lassen“, sagt Nicole Serocka. Die Sprecherin der Sozialbehörde ist berührt von den Männern, die in Hamburg kaum genug Geld verdienten, um ihren kleinen Kindern in der Heimat Care-Pakete schicken zu können. Außerdem fehlt ihnen sämtliche Perspektive, denn wer kein Deutsch spricht, hat hier kaum eine Chance auf einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz.

Der Kampf gegen die Schlepper geht weiter, auch in München oder Berlin ähnelt sich die Problemlage. Serocka: „Wir diskutieren das Thema beim Deutschen Städtetag und bei den Konsulaten. Zudem werden wir wohl noch in diesem Jahr einen Antrag an die Bundesregierung stellen. Denn über den EU-Fonds könnten wir Hilfsprogramme starten und Info-Kampagnen in den Heimatländern, damit die Menschen nicht an Schlepperbanden geraten.“

696?000 Euro veranschlagt der Senat für das Winternotprogramm, das von November bis April nächsten Jahres 160 Schlafplätze bei fördern & wohnen an der Spaldingstraße bereitstellt, zudem 92 Betten bei Hochschulen und Kirchengemeinden. Für Betreuung ist gesorgt: Nettelnburger und Neuallermöher stehen werktags bereit, um zwischen 18 und 20 Uhr mit den Obdachlosen zu sprechen, ihnen Hilfen anzubieten. Ähnlich handhaben es die Baptisten, die an der Friedenskirche am Ladenbeker Furtweg wieder acht Schlafplätze anbieten, ihren Gästen von 18 bis 19.30 Uhr Gespräche anbieten.

Im vergangenen Winter konnten hamburgweit 40 Obdachlose in dauerhafte Wohnunterkünfte vermittelt werden – doch auch die sind proppevoll: Wo eigentlich eine dreimonatige Unterbringung angestrebt wird, bleiben die Menschen gern länger – allein 2010 blieben 42 Prozent der Wohnungslosen länger als ein Jahr, heißt es in einer Senatsanfrage der GAL, die darauf drängt, dass der Senat die endgültige Fassung seines Gesamtkonzeptes für Wohnungslose vorstellt. Nach derzeitiger Planung sollen bis 2015 insgesamt 500 neue Plätze geschaffen werden – dazu zählen ein „Clearinghaus“ für 20 Frauen sowie 20 Plätze für Jungerwachsene in Altona. Das Pavillondorf am Curslacker Neuen Deich 80 etwa wird um 100 auf dann 570 Plätze ausgeweitet. „Die ersten gelben Container sind schon da, sie sehen sehr gut aus“, sagt Leiterin Gabriele Ullmann, die damit rechnet, Mitte November die ersten Plätze belegen zu können.