Ermittlungen

Nach dem Attentat: Täter spricht über den Anschlag

Frank A., der 42-jährige Attentäter, der am Freitagnachmittag während der Gedenkfeier zur Enthüllung des Zwangsarbeiter-Mahnmals die polnische Delegation mit Reizgas angegriffen hatte, ist nach der Vernehmung in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden. Am Mahnmal haben Unbekannte unterdessen neue Parolen gesprüht.

Der 42-jährige Frank A., der am Freitagnachmittag während der Gedenkfeier zur Enthüllung des Zwangsarbeiter-Mahnmals die polnische Delegation mit Reizgas angegriffen hatte, ist nach der Vernehmung auf dem Polizeirevier in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden. „Der Täter ist offenbar geistig verwirrt“, erklärte Polizeisprecherin Ulrike Sweden. Der Mann sei bereits vor der Tat wegen einer psychischen Erkrankung in ärztlicher Behandlung gewesen.

Direkt nach seiner widerstandslosen Festnahme ist Frank A. auf der Polizeiwache von Spezialisten der Staatsschutzabteilung im Hamburger Landeskriminalamt vernommen worden. Auch bei der Polizei geht man von einer rechtsradikal motivierten politischen Tat aus. Frank A. ist den Behörden bereits einschlägig bekannt. Erst am vergangenen Mittwoch hatte er einen Strafbefehl über 3000 Euro vom Amtsgericht Bergedorf erhalten – wegen Verbreitung rechtradikaler Schriften. Er hatte Propagandamaterial an den rechtsextremen Anwalt und RAF-Mitbegründer Horst Mahler versandt, der derzeit in Brandenburg in Haft sitzt. „Dennoch war der Mann kein in Bergedorf bekannter Neonazi“, betont Ansgar Hagen, stellvertretender Leiter des Bergedorfer Polizeikommissariats. Sonst wäre der Täter den zum Schutz der Mahnmal-Einweihung anwesenden Beamten sicher aufgefallen.

"Für das, was ich getan habe, werde ich mich ganz sicher nicht entschuldigen", sagte der Täter mit frechem Selbstbewußtsein gegenüber der "Hamburger Morgenpost". In dem Interview, welches die Boulevardzeitung mit dem in der Psychiatrie Eingewiesenen geführt hat, sagt Frank A. "Ich wollte eigentlich den Bezirksamtsleiter, Arne Dornquast, und andere Repräsentanten dieser Veranstaltung treffen. Er halte Denkmäler für "herausgeschmissenes Geld. Dieses ganze Erinnerungsritual hängt mir zum Hals raus." Nach eigenen Angaben ist der 42-jährige Frührentner und Harz IV-Empfänger, zuvor sei er Unternehmensberater gewesen. Die Tat habe er unter Entzugserscheinungen seiner Alkoholsucht begangen, behauptet der Mann.

Für die Polizei ist Frank A. ein „Einzeltäter“. Wenn das so ist, gab es bereits am Wochenende Trittbrettfahrer. In der Nacht zum Sonntag sprühten Unbekannte die Parole „Keine Träne für Buback… Deutschland…“ an die Wand der Unterführung unter der Bergedorfer Straße, nur wenige Meter vom Mahnmal entfernt. Offenbar wurden die Täter gestört, der Spruch ist nicht vollendet. Generalbundesanwalt Siegfried Buback ist im April 1977 von RAF-Terroristen ermordet worden. Worin der Zusammenhang zum Zwangsarbeiter-Mahnmal besteht, ist unklar.

Unterdessen stößt das Mahnmal bei den Bergedorfern auf großes Interesse. Interessiert lesen Passanten die im Pflaster eingelassene Gedenktafel, umrunden die Betonstele neugierig und stellen sich auf Zehenspitzen, um besser in den verspiegelten Sehschlitz gucken zu können – das Mahnmal funktioniert, es weckt Interesse.

Künstler Jan de Weryha, nach dessen Plänen die Stele entstand, kann den Anschlag noch immer nicht begreifen: „Ich habe gesehen, wie der Mann in seine Tasche griff. Ich dachte, er wäre so ergriffen, dass er ein Taschentuch brauchte. Doch dann kam die Dose zum Vorschein. Dass er den alten Leuten damit Pfefferspray in die Augen sprühte, macht mich fassungslos.“ An einen verwirrten Einzeltäter mag de Weryha anders als die Polizei nicht glauben: „Er hat nicht mit einem Hammer auf das Mahnmal eingeschlagen, die Bestie ist auf die Menschen losgegangen! Das war von langer Hand geplant.“

Künstler Jan de Weryha noch immer geschockt – Opfer zurück in Polen

Jan de Weryha kann die Tränen noch immer nicht zurückhalten. „Ich höre ständig die verzweifelten Rufe der armen alten Menschen auf Polnisch: ‚Ich erblinde! Ich sehe nichts mehr! Helft mir!’ Und das heute hier in unserem Bergedorf. Nicht weit weg vom längst vergangenen Nazi-Deutschland, das diesen Menschen das Trauma ihrer Kindheit und Jugend beschert hat“, sagte der Künstler gestern in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Der Bergedorfer, der das Zwangsarbeiter-Mahnmal auf dem Kampdeich zwischen Schleusengraben und CCB-Fachmarktzentrum geschaffen hat und selbst gebürtiger Pole ist, macht sich nach der Pfefferspray-Attacke bei der Gedenkstunde zur Einweihung am Freitag schwere Vorwürfe: „Was habe ich getan? Ohne das Mahnmal hätten diese Menschen das nicht erleben müssen. Bisher fühlte ich mich sicher in Bergedorf. Aber jetzt sind in Sekunden Brücken eingerissen worden, deren Aufbau Jahrzehnte gebraucht hat.“

Tatsächlich sitzt der Schock tief bei der 18 Gäste kleinen Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiter und Angehöriger aus Polen, die auf Einladung des Senats für eine Woche in Hamburg war. Der Besuch der Gedenkfeier sollte der abschließende Höhepunkt sein. Stattdessen fanden sich sechs der Senioren im Bethesda Krankenhaus wieder. Darunter auch die seit ihrer Geburt 1941 bis Kriegsende in der „Bergedorfer Kinderbaracke“ untergebrachte Teresa Krystyna Czoska (71). Ihre Rede über das Grauen als Kind einer im Nazi-Deutschland „verbotenen Beziehung“ zwischen Zwangsarbeitern konnte sie nicht mehr halten.

„Der Vorfall hat natürlich die Abschiedsfeier im Billstedter Panorama-Hotel überschattet“, sagt David Rojkowski (35) vom Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Projektleiter des Besuchs. „Die Gespräche, teils noch auf den Hotelzimmern fortgesetzt, gingen bis nach Mitternacht.“ Als die Gruppe am Sonnabend früh den Bus zur Heimreise bestieg, sei aber kein Groll gegen Deutschland gehegt worden. „Die Teilnehmer stellten ihre vielen ausgesprochen freundlichen Begegnungen und Erlebnisse über den Vorfall. Auch der Besuch von Bezirksamtsleiter Arne Dornquast, der noch auf der Abschiedsfeier das persönliche Gespräch mit jedem Einzelnen suchte, hat bewirkt, dass sie es als Anschlag eines verwirrten Einzeltäters sehen.“

Dornquast hatte sich „zutiefst peinlich berührt“ gezeigt: „Ich schäme mich für diesen Landsmann und kann nur hoffen, dass unsere polnischen Freunde das Erlebte verarbeitet werden. Ganz Bergedorf bittet unsere Gäste um Vergebung.“

Deutlicher wird die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hamburg in ihrer Stellungnahme: „Das Denkmal wird durch den Anschlag auf die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen zu einem doppelten Mahnmal: Erinnerung an Zwangsarbeit und Diktatur und aktuell gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit.“