Stadtteilschule

Nach Gasalarm 32 Schüler und 4 Lehrer in Kliniken

Lohbrügge. 32 Schüler und vier Lehrer der Stadtteilschule Bergedorf sind am Dienstagnachmittag mit Übelkeit und Atemwegsreizungen in Krankenhäuser eingeliefert worden. Zwei Mitschüler aus der zehnten Klasse hatten ein gefährliches "Tierabwehrspray" versprüht.

Die 15-jährige Nina (Name geändert) röchelt, ihr Hals kratzt, die Lippen jucken, ihre Augen tränen. „Ich glaub ich muss kotzen“, wimmert die Schülerin. Der Notarzt reicht dem verstörten Mädchen eine Spuckschale aus Pappe, ein Sanitäter führt die Schülerin zum Rettungswagen. Insgesamt werden am Mittwochnachmittag 32 Schüler, zwei Lehrer und zwei Referendare der Stadtteilschule Bergedorf (ehemals Gesamtschule Bergedorf - GSB) mit einem Dutzend Rettungswagen und dem Großraumrettungsbus in unterschiedliche Hamburger Kliniken eingeliefert. Die Diagnose des leitenden Notarztes: Atemwegsreizungen und Übelkeit nach Gasaustritt.

Eim stechender Geruch in der Jungstoilette und vor den Räumen der neunten und zehnten Klassen im sogenannten „Blauen Haus“ hatte um kurz nach 12 Uhr den Großeinsatz an der Schule ausgelöst. Nachdem ein Zehntklässler auf der Toilette war, klagte dieser über Schwindel und Kratzen im Hals. Kurze Zeit später meldeten sich immer mehr Mitschüler mit eindeutigen Symptomen. Die Schule rief die Feuerwehr, die Polizei sperrte zunächst nur das betroffene Gebäude. Später, als bereits mehr als 60 Schüler röchelnd und hustend in der Pausenhalle saßen, ließ die Feuerwehr aus Sicherheitsgründen das komplette Schulgelände evakuieren. Aus dem gesamten Hamburger Stadtgebiet wurden Rettungswagen angefordert, der Hubschrauber landete auf dem Sportplatz, insgesamt waren 70 Feuerwehrleute und noch einmal so viele Polizisten an der Schule im Einsatz.

Unter Atemschutz führten Spezialisten der Feuerwehr Messungen durch, Luftproben und Wasserproben aus den Toilettenbecken wurden mit Blaulicht in das Labor der Technik und Umweltwache gebracht. Die Analyse im Gaschromatographen ergab ein schwer reizendes, gesundheitsgefährdendes Gas oder Lösungsmittel. Noch während der leitende Notarzt die Verletzten untersuchte, offenbarten sich zwei Schüler einer Lehrerin: „Wir haben gesehen, wer es war!“. Zwei Jungs aus der zehnten Klasse sollen das gefährliche Gas aus einem kleinen Spray in der Toilette versprüht und dann die Dose durch das Fenster in ein Gebüsch geworfen haben. Gegen 17:30 Uhr finden Polizisten die gelbrote Spraydose im Unterholz. Es handelt sich um ein sogenanntes „NATO-Pfeffer-Spray“ mit einem hochkonzentrierten Cayenne-Pfeffer-Extrakt. Im Internet wird das Abwehrspray für 2,99 Euro verkauft. In dem Warnhinweis heißt es: „Das Spray darf nur zur Abwehr von angreifenden aggressiven Tieren verwendet werden.“ Die Wirkung des „K.O.-Fog“ halte mehreren Stunden an.

Die Kripo trifft die namentlich bekannten Tatverdächtigen zu Hause an. „Wir haben das Spray gefunden und wollten es in der Toilette nur aus Neugier mal ausprobieren“, erklären die 16-Jährigen bei ihrer Vernehmung auf der Polizeiwache. Als das Spray dann aber nicht funktionierte, hätten sie die Dose aus dem Fenster geworfen. Doch die fatale Wirkung der angeblich funktionslosen Sprühdose haben die Klassenkameraden der beiden auf den Schleimhäuten heftig gespürt, einige der Verletzten mussten die Nacht über im Krankenhaus bleiben. Die Kripo ermittelt gegen die beiden Schüler wegen „36-facher gefährlicher Körperverletzung“, so Polizeisprecherin Sandra Levgrün. Zudem sei zu prüfen, ob die Verursacher für den Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr und Ärzten aufkommen müssten. Die Kosten dürften im hohen sechsstelligen Bereich liegen. Schulleiterin Renate Nietzschmann (62) hat noch am Abend einen Rundbrief an alle Schüler und Eltern geschrieben. Heute soll der Unterricht stattfinden.

Betroffene Schüler bleiben die Nacht über in den Kliniken

Der langjährigen Schulleiterin Renate Nietzschmann (62) war die Aufregung anzusehen – wenn sie doch auch sehr souverän die Situation meisterte. „Auf einer Jungen-Toilette, beim Aufgang zum Klassenhaus der Neunt- und Zehntklässler, sei ein übler Geruch festgestellt worden“, erklärt sie diplomatisch in die Mikrofone am Schultor wartenden Kamerateams. „Einige Kinder klagen über Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen.“ Dass der stechende Geruch von gefährlichem „K.O.“-Abwehrspray stammt, dass zwei Mitschüler versprüht hatten, wusste die Schulleiterin zunächst selbst nicht. Mehr als 60 Schüler waren betroffen, 32 von ihnen, zwischen 14 und 16 Jahre alt, sowie vier der Lehrer mussten mit akuten Schleimhautreizungen ins Krankenhaus.

Nach und nach wurden auch die beschwerdefreien Schüler der beiden Klassen vom leitenden Notarzt untersucht. Dann startete die Schule ihre Telefonkette: „Wenn wir die Eltern erreicht hatten, konnten wir die Schüler nach Hause entlassen“, sagt die Schulleiterin. Auch das restliche Schulgelände sei rein vorsorglich evakuiert worden. „Wir haben ihnen teilweise VHH-Fahrkarten ausgegeben, damit sie heim können“. Der Unterricht werde heute wie gewohnt stattfinden. „Ich hoffe, dass alles wieder in normalen Bahnen läuft.“

Manche Kinder mussten indes eine Nacht im Krankenhaus bleiben: „Ich bringe meinem Sohn jetzt einen Schlafanzug ins UKE“, sagt Svanja Arlet aus Billwerder, deren Zehntklässler Dean (15) über heftiges Halskratzen klagte.

Gleich 13 Schüler sind im Kinderkrankenhaus Wilhelmstift gelandet, sagt Kerstin Löh aus Neuengamme: „Meine Tochter Nathalie war die erste, die weggebracht wurde weil ihr übel war. Jetzt liegt sie mit drei anderen in einem Zimmer.“ Auf dem Krankenhausflur sei gut was los gewesen. „Da konnten sich gleich die Eltern der neuen Profil-Klasse kennen lernen“, nimmt es die Mutter mit Humor.

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