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Die heilende Kraft der Musik

Foto: rasche

Bergedorf. Seit 1979 ist die Musiktherapie eine Hochschuldisziplin. Die Wirkung, die musikalische Therapie auf die Seele hat, ist wissenschaftlich nachgewiesen. Zehn japanische Studentinnen haben jetzt die Musiktherapie an der Bethesda-Klinik verfolgt - und wollen das Konzept nach Japan tragen.

In Trance beschworen Kranke und Heiler die Götter und Dämonen, ihre Musik strömte eine magisch-mystische Wirkung aus. So jedenfalls soll es vor 4200 Jahren gewesen sein, als die Tochter der Königs Sargon von Akkad (Mesopotamien) 42 Tempelhymnen verfasste. Dass dies der Grundstein für die heilende Musiktherapie war, ist wissenschaftlich nicht belegt. Wohl aber ist Musiktherapie heutzutage eine Hochschuldisziplin (in Deutschland seit 1979), deren Wirksamkeit bei Autisten, Schizophrenen und auch Demenzkranken medizinisch nachgewiesen ist.

Die Dämonen von einst heißen heute Papa oder Onkel Georg – wenn es denn mit Hilfe der Musiktherapie gelingt, sie zu erinnern und beim Namen zu nennen: Gerade bei Opfern von sexuellem Missbrauch können die Instrumente eine symbolische Bedeutung für Personen, Situationen oder Gefühle bekommen. „Gut die Hälfte meiner 26 Patienten haben eine Persönlichkeitsstörung“, sagt Dr. Gitta Strehlow, die über die Bedeutung der Musiktherapie für Borderline-Patienten promovierte. Die 44-Jährige erklärt: „Wenn sich Patienten für ein Instrument entscheiden, lässt das manchmal Rückschlüsse auf ihre Lebens- oder Beziehungsmuster zu.“ Der Narziss greift etwa gern zur großen Pauke, während abhängige Menschen, die nie gelernt haben, ihre Wünsche zu äußern, vielleicht das leise Glockenspiel vorziehen und sich in die Musik zurückziehen.

Dass vor allem traumatisierte Frauen die Musiktherapie gut annehmen, liegt wohl eher daran, dass sie generell gern Hilfe annehmen, meint Dr. Strehlow, die neben ihrer Arbeit an der Bethesda-Klinik (die stationäre Psychologie hat 72 Betten) auch seit zwölf Jahren den Hamburger Verein „Dunkelziffer“ unterstützt, der sich Kindern und jugendlichen Opfern sexuellen Missbrauchs zuwendet.

Mit großer Faszination folgten jetzt zehn japanische Studentinnen den Erklärungen zur Bergedorfer Musiktherapie. „Bei uns erfährt das Thema erst langsam Akzeptanz“, sagt Prof. Tsutomu Masuko, der an der Frauen-Universität Hyogo, nordwestlich von Osaka, lehrt – zugleich als Opern-Bariton und viel geachteter Dirigent weltweit bekannt ist. Dass es mancherorts auch in Deutschland an Anerkennung mangelt, zeigt am 5. Mai in Berlin das Thema der „Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft“: Gesundheitspolitikerin Maria Klein-Schmeink, die für die grüne Fraktion im Bundestag sitzt, spricht über die „Musiktherapie im Spannungsfeld akademischer Gesundheitsberufe und der Psychotherapie“.

Hamburgs Musiktherapeuten jedenfalls haben einen weltweiten Fach-Austausch im Blick: „Masuko ist ein Pionier der Musiktherapie in Asien“, lobt Hans-Helmut Decker-Voigt, Senior-Professor des Instituts für Musiktherapie der Hamburger Hochschule für Musik und Kunst. Im vergangenen Jahr, als der Weltkongress der Musiktherapeuten in Seoul stattgefunden hat, kam die Idee zu einer „Deutsch-Asiatischen Gesellschaft für Musiktherapie“ auf. Der Besuch der Japaner in Bergedorf war nun ein weiterer Schritt zur Kooperation.