Holger Krebs

"Er sammelte lieber Flaschen, als Geld vom Staat zu nehmen"

Foto: NEWS & ART / Carsten Neff

Bergedorf. Holger Krebs hat traurige Berühmtheit erlangt nach seinem Tod am Bergedorfer Bahnhof am Morgen des 13. Februar. Viel wurde danach diskutiert, über ihn, über die Angestellten des "Pamukkale", die ihn vor die Tür setzten. Was aber war Holger Krebs für ein Mensch?

Am Ende seines Lebens ist Holger Krebs anderen im Weg. Am Morgen des 13. Februar sitzt er zusammengesunken an einem Tisch im „Pamukkale“ im Bahnhof. Vor ihm steht eine Bierdose. Die beiden Angestellten im Dönerladen wollen schließen. Es ist 5 Uhr, ein zwölfstündiger Arbeitstag liegt hinter ihnen. Sie sprechen Holger Krebs an, doch der grummelt nur undeutlich. Die beiden halten ihn wohl für betrunken. Aber Holger Krebs schläft keinen Rausch aus. Er stirbt.

Nur noch 40 Prozent seines Herzens funktionieren nach einem schweren Infarkt, den er zwei Jahre zuvor erlitten hat. Hinzu kommt eine Lungenentzündung. Als Krebs nicht mehr reagiert, tragen die beiden ihn zum Bahnhofseingang und legen ihn dort ab. So zeigt es das Überwachungsvideo. Das Thermometer steht auf Minus 4,1 Grad. Krebs stirbt nicht an der Kälte, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach an Herzversagen. Die beiden Angestellten werden vorläufig festgenommen. Verdacht: fahrlässige Tötung und unterlassene Hilfeleistung.

Über die Tat ist viel gesprochen worden. Doch wer war Holger Krebs?

1957 im AK Bergedorf geboren, wächst der intelligente Junge in Wentorf auf, geht zur Schule, eine normale Kindheit. Er ist kein einfaches Kind, hat schon früh seinen eigenen Kopf. So erzählt es seine langjährige Lebensgefährtin Renate Hartmann. Die 60-jährige, heute pensionierte Rechtsanwältin lebte über 16 Jahre mit Krebs zusammen. „Holger war in der Öffentlichkeit ein sehr zurückhaltender, fast kühler Mensch“, sagt Renate Hartmann. Doch er sei auch sehr sensibel gewesen und warmherzig, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. „Einmal bekam er mit, dass in der Nachbarschaft ein Mann seine Frau misshandelte“, erzählt sie. An einem Wochenende sei er mit ein paar Kumpels kurzentschlossen in das Nachbarhaus gegangen. „Die Kumpels und er hielten den Mann in Schach, die Frau packte ihre Sachen.“ Dann hätten sie die Frau und ihre beiden kleinen Kinder ins Frauenhaus gefahren. „So war er“, sagt Renate Hartmann.

Schon früh hat sich Holger Krebs politisch engagiert. „Seinen Großvater haben die Nazis umgebracht. Auch sein Vater war im KZ, überlebte aber.“ Das Schicksal des Opas lässt Krebs nie los. Er ist in der Bergedorfer Antifa aktiv und bei der Anti-Akw Bewegung. Studiert Informatik und zusätzlich Theologie, um nicht zur Bundeswehr zu müssen, arbeitet als Controller in einer Maschinenbaufirma. Er wird Mitglied im Kommunistischen Bund, später in der Alternativen Liste und bei den Grünen. Als die 1999 der Bombardierung Belgrads zustimmen, ist für ihn Schluss.

„Holger hatte eigentlich keine Hobbys. Das einzige, was er brauchte, war sein Tabak und Politik“, erinnert sich Renate Hartmann. FC St. Pauli-Fan Krebs ist einer der Mitgründer von „Unser Haus e.V.“, hilft mit bei der Organisation von Wutzrock.

Dann der erste Schicksalsschlag: Eine Arbeitskollegin, mit der Holger Krebs befreundet ist, begeht Selbstmord, kurz darauf noch ein Kollege. „Die mussten arbeiten bis zum Umfallen, waren alle bis hin zum Burnout überlastet“, erzählt Renate Hartmann. Krebs geht nicht mehr zur Arbeit. „Aus Protest“, sagt Hartmann. Der Chef schreibt ihm Bittbriefe. Krebs reagiert nicht. 2009 dann sein schwerer Infarkt.

Kurz darauf findet Holger Krebs seine Mutter, die er zwei Jahre liebevoll gepflegt hat, tot in ihrem Haus in Wentorf. „Das hat er nicht verkraftet. Er hat gelitten wie ein Hund, wurde ganz dünn“, berichtet Hartmann. Nie habe er vorher Alkohol getrunken. Das änderte sich jetzt. „Er war nie volltrunken. Nüchtern war er aber auch kaum noch“, sagt Hartmann. Dann die Lungenentzündung. Holger Krebs ist weder krankenversichert, noch beantragt er Rente oder Hartz IV. „Er sammelte lieber Flaschen, als Geld vom Staat zu nehmen“, sagt Hartmann. Obwohl Freunde auf ihn einreden, zum Arzt geht er nicht. „Ich glaube, er wollte nicht mehr leben“, sagt Renate Hartmann. Er war immer für andere da, hatte aber für sich selbst offenbar keine Hoffnung mehr.

„Dass er auf so eine traurige Art enden musste, so allein, das tut wirklich weh. Wie kann man einen Menschen nur so behandeln?“, fragt sich Renate Hartmann. Holger Krebs wird Ende dieses Monats beerdigt.