Hochwasserschutz

Sturm und Starkregen bedrohen die tiefen Gebiete

Bergedorf. "Die Lage ist angespannt aber nicht dramatisch", urteilt Uwe Wehling, Wasserexperte im Bezirksamt. Durch den starken Regen der vergangenen Tage sind die Entwässerungsgräben und Pufferbecken bis zum Rand gefüllt. Skeptisch beobachten die Experten das Wetter und die Zukunftsplanungen für den Hochwasserschutz.

Beinahe hätte ein Plastikeimer am Mittwochvormittag Teile Nettelnburgs unter Wasser gesetzt. Das rote Stück hatte sich am im Durchlauf des Entwässerungsgrabens hinter dem Haus Heulandhagen 8 verfangen. Anwohner schlugen Alarm, weil der viele Regen das eigentlich kleine Rinnsal binnen kurzer Zeit dramatisch anschwellen ließ.

Die Freiwillige Feuerwehr Nettelnburg schaffte es mit Taucherbrille und Neopren-Anzug gerade noch, die Überflutung der vielen Keller in der Nachbarschaft zu verhindern. Oft schon mussten die Kameraden entsprechende Notfälle lösen, weshalb Taucherkleidung mittlerweile zum Einsatzgepäck gehört.

„Nettelnburg liegt sehr tief und ist deshalb schon seit dem Bau der Siedlung in den 1920er-Jahren anfällig für Überflutungen. Ein Problem, das heute noch akuter geworden ist, weil neben der steigenden Zahl der Starkregenereignisse auch die Bebauung erheblich verdichtet wurde“, sagt Uwe Wehling, Leiter der Wasserwirtschaft im Bezirksamt. Ein intakter Verbund von Entwässerungsgräben und Pumpwerken sei hier wie auch in den Vier- und Marschlanden mehr denn je Pflicht.

Abgesehen von Verstopfungen, wie dem Nettelnburger Eimer, laufe hier alles reibungslos. Die in der Zuständigkeit der Entwässerungsverbände liegenden Gräben seien gepflegt, die Kapazitäten der zwölf Pumpwerke des Bezirksamtes, die Bergedorf in Richtung Elbe entwässern, reichten zumindest rechnerisch aus. Jedenfalls seien die Wassermassen bisher nie in die falsche Richtung gelaufen.

Doch das kann sich ändern. Gestern erst sorgte das Hochwasser dafür, dass über 24 Stunden nichts in die Elbe gepumpt werden konnte. Zugleich kommt über die Bille und anderen Flussläufe ständig Wasser nach. „Damit sind unsere Puffer erschöpft. Alle Vorfluter wie der Schleusengraben sind voll. Wir müssen hoffen, dass die Stürme aus Westen, die das Wasser in die Elbe drücken, eine Pause einlegen“, sagt Wehling, der die Lage als „angespannt, aber nicht dramatisch“ beschreibt. Tatenberger Schleuse und alle wichtigen Pumpwerke seien rund um die Uhr besetzt.

Das Problem bei Sturmfluten ist Jahrzehnte bekannt. Dennoch gibt es bis heute keine absehbaren Maßnahmen, wie Bergedorf effektiver entwässert werden könnte. Das wurde auch in der Bezirksversammlung deutlich. Mehr noch: Der Neuallermöher Volker Behrendt erfuhr auf eine Anfrage, dass die von Hamburg betriebene Vertiefung der Elbfahrrinne „nach Auskunft der Behörden keine Auswirkungen auf die Flutwasserstände hat“, so Bezirksamtsleiter Arne Dornquast. Das möchte die CDU-Bezirksfraktion schriftlich haben.

Tatsächlich tobt erbitterter Streit, wie stark eine um ein Meter tiefere Fahrrinne der Elbe die Flutwasserstände erhöht. Dass diese Maßnahme keine derartigen Folgen haben wird, wie ein von Hamburg beauftragtes Ingenieurbüro behauptet, stößt auf Widerspruch anderer Experten. Und widerspricht auch Erfahrungen, die Anlieger der Unterelbe infolge der vorigen Elbvertiefung gemacht haben.

Dass ein Gutachter meint, Jogger würden die Deiche stärker belasten als die Bugwellen der Containerriesen, stößt an der Unterelbe auf vehementen Widerspruch. Dort beklagen Umweltschützer und Hafenbetreiber die Folgen der vorigen Elbvertiefung – „schwimmende“ Deiche und verschlickende Häfen.

Untätigkeit werfen Marschlandbewohner wie Volker Behrendt dagegen Hamburg vor. Zwar bestätigt die Hansestadt, dass die Marschflächen im Landgebiet wie in Bergedorfs Stadtgebiet von Überflutungen bei Hochwasser und Starkregen bedroht seien. „Doch geplant oder gar terminiert ist bis heute nichts“, klagt Behrendt, Mitglied der Ökologisch Demokratischen Partei (ÖDP).

Das sieht Uwe Wehling anders: „Das Thema hat nach jahrelangen Überlegungen im zuständigen Landesbetrieb Straßen, Brücken und Verkehr jetzt Entscheidungsreife erlangt. Ich erwarte, dass die konkreten Planungen zur Aufstockung der Entwässerungskapazität noch in diesem Jahr vorgestellt werden.“