Moorfleet

Ehemalige Drogenabhängige rappen über ihre Erfahrungen

Come In: Profi-Musiker "Mr. Schnabel" betreut Projekt am Moorfleeter Deich

Neben Gesprächen mit ihren Therapeuten, Akupunktur oder autogenem Training gibt es für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im "Come In" leben, eine weitere Möglichkeit, mit ihrer Sucht und den damit verbundenen Problemen besser klarzukommen: Sie rappen. Einmal in der Woche setzen sich die jungen Patienten in einem Gruppenraum der Fachklinik am Moorfleeter Deich 341 zusammen, um sich ihren Frust von der Seele zu schreiben und Lieder daraus zu basteln. Geleitet wird die "Arbeitsgemeinschaft Rap" von einem Profi: André Schnabel (39), in der Szene als "Mr. Schnabel" und "Howie Do" bekannt.

Schnabel ist Mitarbeiter der "HipHop Academy Hamburg" in dem Kulturzentrum am Öjendorfer Weg 30 a. Die Akademie fördert junge Talente in allen Hip-Hop-Sparten - darunter auch Breakdance, Gesang und Graffiti.

Der Musiker, der bereits mit Stars wie Samy Deluxe oder Jan Eißfeldt auf der Bühne stand, Platten bei Warner Brothers veröffentlichte und ein eigenes Tonstudio besitzt, unterrichtet Rap-Musik an vielen Schulen und Jugendzentren, ist oft in sozialen Brennpunkten im Einsatz. "Im 'Come In' macht mir diese Arbeit besonders viel Spaß, weil die jungen Leute alle freiwillig mitmachen und entsprechend motiviert sind." Der Rapper lässt die Teilnehmer zu instrumentalen Hip-Hop-Beats Liedtexte schreiben - jeden für sich, thematische Einschränkungen gibt es nicht.

"Junkfood" nennt sich die zehn Stimmen starke Truppe. Den Namen haben sich Dominik (18) aus Bremen und Jannik (17) aus Lübeck ausgedacht. Sie sind nach einem Jahr aus der AG ausgeschieden, weil ihre Berufspraktika ihnen keine Zeit mehr dazu lassen. "Wir schreiben aber noch immer, machen ohne Coach weiter", sagt Dominik, der seit 14 Monaten im "Come In" lebt. Die beiden Nachwuchs-Rapper haben schon ein knappes Dutzend Auftritte hinter sich, etwa in der "HipHop Academy", vor den Teilnehmern anderer Kurse. Schnabel findet ihre "Flows" - gereimte Texte, die exakt auf die Instrumental-Beats passen, hervorragend, will mit ihnen eine CD aufnehmen.

Jasmin (16) aus Flensburg hat ebenfalls kein Lampenfieber, trat schon wenige Tage, nachdem sie ihre ersten Texte geschrieben hat, auf. "Diese Auftritte sind wichtig", sagt Schnabel, "denn Applaus von 200 Konzertbesuchern steigert das Selbstwertgefühl."

Eines haben die Lieder der Kids gemeinsam: In allen geht es um heftige Themen. Immer wieder rappen die Kids über ihre frühere Drogensucht - und all den Kummer, den sie ihnen bereitet hat. Ein Mädchen beschreibt seine Vergewaltigung, ein anderer Jugendlicher rechnet mit seinem alkoholkranken Vater ab.

"Wir wissen leider genau, worüber wir schreiben", sagt Jannik. Texten und Rappen sei ein Befreiungsschlag: "Das hilft mir mehr als ein Therapiegespräch", sagt Dominik. Denn in den Liedern geben die jungen Leute oft auch sehr private Dinge preis, die sie sonst nicht erzählen würden. Internet: www.kph-hamburg.de.

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