Herzbrücke

Ankunft in einem neuen Leben

Woher nimmt sie nur die Kraft? Gerade liegt eine anstrengende und aufregende Woche in Kabul hinter ihr, kaum wieder zu Hause absolvierte sie eine Nachtschicht im Altonaer Kinderkrankenhaus, wo Brigitte Eichholz seit fast 30 Jahren als Kinder-Intensiv-Krankenschwester arbeitet, und jetzt sitzt die 48-Jährige an dem großen Esstisch aus massiven Holz in ihrem Haus am Kirchwerder Elbdeich und strahlt übers ganze Gesicht, als sie über "ihre" Mädchen berichtet und Fotos von ihnen zeigt.

Bereits zwei Mal nahmen Brigitte Eichholz, ihr Mann Dirk und die Kinder Marlene (12), Maximilian (18) und Marie (20) ein Kind aus Kabul liebevoll in ihrer Familie auf: im November 2010 die zwölfjährige Storay, im Juni 2011 die sechsjährige Shila. Beide Mädchen wären in ihrer Heimat über kurz oder lang an einem schweren Herzfehler gestorben. Sie gehörten zu den Glückskindern, die vom Ärzteteam der "Herzbrücke" für eine Operation in Hamburg ausgesucht worden waren. Knapp drei Monate später flogen sie kerngesund nach Afghanistan zurück.

Professor Dr. Friedrich-Christian Rieß, Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie am Herzzentrum des Albertinen-Krankenhauses, rief das Projekt "Herzbrücke" gemeinsam mit Kollegen 2005 ins Leben. Ziel ist es, herzkranken Kindern aus Krisen- und Kriegsgebieten eine lebensrettende Operation zu ermöglichen. Die Albertinen-Stiftung unterstützt dieses ehrenamtliche Engagement von Ärzten, Pflegenden und Gasteltern. Dank ihrer Hilfe konnte bislang 97 Kindern eine zweite Chance zu leben geschenkt werden. Die Kosten für die Behandlung bewegen sich je nach Schwere des Herzfehlers zwischen 5000 und 25 000 Euro pro Kind. Sie werden aus Spenden bezahlt.

Im Dezember sollten weitere Kinder für eine lebensrettende Operation nach Hamburg geholt werden. Als eine Schwester vom Albertinen-Krankenhaus ausfiel, zögerte Brigitte Eichholz nicht lange und sprang für sie ein. "Alles ging ziemlich holterdiepolter", sagt sie und lacht. "Ich glaube, ich hatte noch nie so wenig in meinem Koffer." Damit meint sie aber nur ihre persönlichen Dinge. Den großen Rest des Gepäckstücks füllten warme Kleidung für die Kinder und jede Menge "Naschis" - darunter auch die Lieblingssüßigkeiten von Storay und Shila. Am 11. Dezember bestiegen sie, Dr. Same Khorrami vom "Herzbrücke"-Team und Dr. Mehraban Mehrain vom Düsseldorfer Verein "Amyal", der mit der Albertinen-Stiftung zusammenarbeitet, das Flugzeug nach Kabul.

In der Hauptstadt Afghanistans leben etwa fünf Millionen Menschen, sagt Brigitte Eichholz, ausgelegt sei sie aber nur für eine Million. "Und dann dieser Verkehr. 800 000 Autos quälen sich durch die Stadt, ohne eine einzige Ampel, auf Straßen, von denen kaum eine asphaltiert ist." Erst nach drei Tagen sei ihr aufgefallen, dass keine Frauen hinterm Steuer sitzen. Ohnehin seien kaum welche draußen zu sehen und wenn, dann nur verhüllt in einer blauen Burka. Sie selbst passte sich den Sitten insoweit an, dass sie ihren Kopf stets mit einem Tuch bedeckte.

Brigitte Eichholz half bei den Voruntersuchungen der Kinder, schrieb die Befunde und empfing gemeinsam mit den beiden Ärzten bereits operierte Kinder, die mit ihren Eltern ins Hotel kamen. Sie überreichten Geschenke für die ehemaligen Gasteltern und nahmen welche entgegen. Auch Brigitte Eichholz hielt den Kontakt zu ihren beiden Mädchen aufrecht.

"Als Storay und ihr Vater sich ankündigten, war ich doch aufgeregt. Jetzt kommt sie gleich, wie sie wohl aussieht? Meine Gedanken überschlugen sich", erzählt sie. Aus Storay ist mittlerweile eine 14-jährige junge Frau geworden. Am bewegendsten empfand ihre Gastmutter den Moment, als Storays Vater ihr ausdrücklich dankte und ihr - einer Frau - dabei in die Augen sah. "Das war schon ein Ritterschlag", sagt sie. Shilas Familie lernte sie bei einem Besuch in deren Haus kennen.

Zurzeit erhalten fünf Mädchen und zwei Jungen die Chance auf ein langes Leben. Am 6. März kehren sie zurück. Mit Brigitte Eichholz? "Natürlich. Das ist mein Auftrag, sie gesund zurückzubringen." Wer helfen möchte, dass noch viele herzkranke Kinder operiert werden können, überweist seine Spende an: Albertinen-Stiftung "Herzbrücke", Kontonummer 11 444, Bankleitzahl 251 205 10, Bank für Sozialwirtschaft.