Plattenfirma

Spezialisten für feine Rockmusik

Ochsenwerder. In einem Einfamilienhaus am Ochsenwerder Elbdeich sitzt eine der kleinsten und feinsten Plattenfirmen Deutschlands: Stickman Records. Inhaber des 18 Jahre alten Labels sind Jeannette und Rolf Gustavus. Das Ehepaar lebt und arbeitet in dem Haus, in dessen Nebengebäude zwei Büros und ein kleines CD- und Schallplattenlager untergebracht sind.

Vom Ochsenwerder Elbdeich aus versorgen die Stickman-Records-Betreiber ihre Vertriebspartner im europäischen Ausland. Außerdem versenden sie täglich Tonträger in alle Welt, die per Mausklick in ihrem Web-Shop ( www.stickman-records.de ) bestellt werden. "Wir haben Stammkunden in Ländern wie Japan, den USA und Kanada", sagt Jeannette Gustavus. "Einige von ihnen kaufen alles, was wir veröffentlichen - ohne es sich vorher anzuhören."

Drei bis vier Alben veröffentlicht das Paar jedes Jahr. Am 23. November wird der 76. Tonträger aus dem Hause Stickman Records veröffentlicht: Eine CD-Box der norwegischen Band "Motorpsycho". Die experimentierfreudigen Rockmusiker sind das beste Pferd im Stall der kleinen Firma. Sie haben Fans auf der ganzen Welt, sind schon lange keine Unbekannten mehr. Rolf Gustavus: "Wir haben fast alles von 'Motorpsycho' im Programm, etwa 30 Veröffentlichungen. Wir waren nicht ganz unschuldig daran, dass sich die Band etablieren konnte." Für die neue Box mit Raritäten und Livemitschnitten liegen bereits rund 500 Vorbestellungen vor.

Der skandinavischen Band hat das Ehepaar seine Selbstständigkeit zu verdanken: "Die sind damals von ihrem alten Label weg und haben uns gefragt, ob wir nicht eine Plattenfirma gründen und deren Tonträger veröffentlichen wollen", sagt der 50-Jährige. "Das Angebot haben wir uns nicht entgehen lassen."

Damals, 1994, arbeitete Rolf Gustavus für einen Plattenvertrieb in Nürnberg. Seine Frau war ebenfalls in der Tonträgerbranche tätig. "Insofern sind wir nicht blind ins kalte Wasser gesprungen. Mit unserem eigenen Label konnten wir viele Fehler vermeiden." Das Minimieren von geschäftlichen Risiken ist für das Paar überlebenswichtig. "Schließlich sind wir eine kleine Firma und haben nicht viel finanziellen Spielraum", sagt Jeannette Gustavus.

Zudem sind in den vergangenen zehn Jahren die Verkaufszahlen stetig gesunken. "Heute veröffentlichen wir etwa ein Drittel weniger Tonträger als 2002", sagt Rolf Gustavus. "Inzwischen sind es rund 10 000 im Jahr."

Schuld daran ist das Downloaden im Internet und das Brennen von CDs. Selbst wenn junge Menschen für die Musiktitel bezahlen, kaufen sie meist nur einzelne Songs und nicht ganze Alben. Rolf Gustavus: "Der physische Tonträger stirbt einen langsamen Tod."

Das Digitalzeitalter hat aber auch für die kleine Plattenfirma nicht nur Nachteile: Der Digitalvertrieb über iTunes ist immer gefragter. "Dort ist unser gesamter Katalog zum Download erhältlich", sagt Rolf Gustavus (50). "Aber die Downloads wiegen die sinkenden Verkaufszahlen der CDs und Schallplatten nicht auf."

Außerdem erleichtert das Internet den Label-Betreibern die Arbeit ungemein: "Früher haben wir unsere Veröffentlichungen in Katalogen präsentiert, die wir etwa auf Plattenbörsen verteilten. Das war sehr umständlich", sagt Jeannette Gustavus.

Doch nicht nur das Verkaufen der CDs und Schallplatten gehört zur Arbeit des Ehepaares. Es koordiniert - von den Aufnahmen der Songs abgesehen - die gesamte Produktion des Tonträgers. "Wir stehen dann in engem Kontakt mit den Musikern, Fotografen, Grafikern, Presswerk, Promoagenturen und Vertrieben", sagt Jeannette Gustavus. Nicht selten liest die in Frankreich geborene Tochter eines US-Amerikaners die Liedtexte in den Booklets (Begleithefte der CDs) Korrektur. Rolf Gustavus: "Die Vorab-Version des Albums senden wir an die Label-Manager der Vertriebe. Vieles hängt dann von denen ab."

In diesem Sommer war der 50-Jährige auf Festivals unterwegs, um sich unbekannte Bands anzuhören, die keinen Plattenvertrag haben. Er wurde nicht enttäuscht: "Für das kommende Jahr planen wir zwei Alben mit Bands aus Hamburg und aus Cottbus", sagt er.