Kaffeefahrt

Ordnungsamt schickt Reisegruppe nach Hause

Neuengamme (bz). Die beiden Mitarbeiter des Fachamtes Verbraucherschutz, Gewerbe und Umwelt fackelten nicht lange. Kurzerhand verboten sie gestern Vormittag eine Verkaufsveranstaltung, die im "Gasthof zum Elbdeich" über die Bühne gehen sollte.

Noch bevor der Bus mit den überwiegend älteren Gästen aus dem Raum Kiel, Neumünster, Eckernförde eintraf, untersagten sie dem Veranstalter, der bereits am Neuengammer Hausdeich 2 auf seine Kunden wartete, das "Wanderlager" - wie diese Veranstaltungen im Amtsdeutsch heißen.

Der entscheidende Tipp kam von Bergedorfer Kripobeamten, die gestern Morgen einen Anruf aus Eckernförde erhalten hatten. Laut Sönke Hinrichs, Sprecher der Polizeidirektion Neumünster, liegen den schleswig-holsteinischen Kollegen zwei Anzeigen vor: Eine 76-Jährige sei während einer solchen Verkaufsfahrt genötigt worden, ihre Kontodaten preiszugeben. Seitdem würden immer wieder - nicht autorisiert - kleinere Beträge von ihrem Konto abgebucht. So erstattete sie Anzeige. Als ihre Freundin von den dubiosen Machenschaften erfuhr, wollte sie von der gestrigen Verkaufsfahrt zurücktreten. Daraufhin sei ihr vonseiten des Veranstalters mit hohen Regressforderungen gedroht worden. Auch sie ging zur Polizei. Die Eckernförder Beamten fuhren zum angegebenen Treffpunkt, wo der Bus bereits wartete. Vom Fahrer erfuhren sie das Ziel: Neuengammer Hausdeich 2.

Diese sogenannten Kaffeefahrten sind nicht grundsätzlich verboten, müssen aber nach Paragraf 56 a der Gewerbeordnung "zwei Wochen vorher bei der zuständigen Behörde angezeigt werden". Das war nicht geschehen, wie Gabriele Günter, Pressesprecherin des Bezirksamtes, bestätigt. Paragraf 4 der Gewerbeordnung nimmt jedoch ausländische Firmen von dieser Klausel aus. Das wusste offenbar auch der Veranstalter, denn er reklamierte gegenüber den Ordnungsamts-Mitarbeitern, dass es sich bei seiner Firma um eine holländische handle. Genützt hat es ihm letztlich nichts. Auch in Holland sind derartige Verkaufsveranstaltungen ohne vorherige Information der Behörde nicht zulässig.

So blieb es dabei, was nicht gerade zur guten Stimmung beitrug. Als die Gäste mit mehr als einer Stunde Verspätung um 11.06 Uhr eintrafen, wurden sie sofort in den Festsaal gelotst. Der Veranstalter versuchte mit roher Drohgebärde unseren Reporter am Fotografieren zu hindern, der Wirt erteilte sofort ein Hausverbot: "Kein Fuß auf mein Grundstück." Wer von den Gästen auf Toilette musste oder rauchen wollte, konnte dies nur in Begleitung von Mitarbeitern des Veranstalters tun. Dennoch gelang es uns, am Rande der Veranstaltung mit zwei Teilnehmern zu sprechen. Unter der Zusicherung ihrer Anonymität packte eine etwa 70 Jahre alte Rentnerin aus: "Auf den Fahrten werden völlig überteuerte Nahrungsergänzungsmittel verkauft." Das günstigste Paket koste mehr als 1000 Euro, so manche Gäste würden sogar 4000 Euro und mehr ausgeben. Das Ziel der Fahrten sei immer unbekannt, der Veranstalter locke mit hohen Gewinnen und Geschenken. "Doch wer nichts kauft, kriegt auch kein Geschenk." Das sei immer so. "Ich habe auch schon zugeschlagen, jetzt hat mir meine Tochter verboten, für sowas Geld auszugeben."

So gab es nur belegte Brötchen und Kaffee für die Reisegruppe, als Trostpflaster kleine Präsente. Um Punkt 12 Uhr trat der Bus die Rückreise an - ohne Verkaufsveranstaltung und das versprochene Mittagessen. Ähnliche Verkaufsfahrten steuern den "Gasthof zum Elbdeich" regelmäßig seit 20 Jahren an, bestätigt Inhaber Udo Voß. Rechtlich ist der Gastwirt aus dem Schneider. An wen er seinen Saal vermietet, muss er vorher nicht überprüfen.