Nabu Hamburg

Naturschutz "massiv unterfinanziert"

Kirchwerder. Es steht nicht gut um Gallinago gallinago. Zwar kürten der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) die Bekassine am Freitag zum "Vogel des Jahres 2013", aber die Bestände des taubengroßen Vogels mit dem beige-braunen Federkleid aus der Familie der Schnepfenvögel gehen dramatisch zurück.

Sie halbierten sich während der vergangenen 20 Jahre. In Deutschland leben nach Schätzungen des Nabu heute noch zwischen 5500 und 6700 Brutpaare.

Für einen nachhaltigen Schutz der Wiesenvögel sind gemäß Pflege- und Entwicklungsplan (PEP) im Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen 206 400 Euro pro Jahr für die Pflege des Grünlands erforderlich. Im Hamburger Haushalt 2013/2014 sind aber gerade einmal 544 000 Euro pro Jahr für Pflege und Entwicklung vorgesehen - allerdings für alle 31 Hamburger Naturschutzgebiete.

Entsprechend harsch ist die Kritik vonseiten des Nabu: "Der Naturschutz ist massiv unterfinanziert", sagt Alexander Porschke, Vorsitzender des Nabu Hamburg. Dies zeige sich an der finanziellen Ausstattung des zuständigen Naturschutzamtes und der zuständigen Bezirke. Zudem habe sich der Haushaltstitel für den Vertragsnaturschutz, der eine externe, naturverträgliche Landwirtschaft in den Schutzgebieten fördert, im kommenden Haushalt im Vergleich zu dem Haushaltsergebnis 2010/2011 nahezu halbiert.

Welche Auswirkungen die Unterfinanzierung im Naturschutz hat, lässt sich gut am Beispiel der Naturschutzgebiete in Bergedorf veranschaulichen. Pro Jahr müsste der Bezirk für die in seiner Zuständigkeit befindlichen Naturschutzgebiete Kirchwerder Wiesen, Zollenspieker und Kiebitzbrack durchschnittlich ein Budget von 620 000 Euro zur Verfügung haben, um die in den PEP formulierten Vorgaben umsetzen zu können. Dem steht das tatsächliche Pflegebudget Bergedorfs in Höhe von 21 000 Euro gegenüber.

Die Kirchwerder Wiesen, die vom Nabu betreut werden, bestehen zu 74 Prozent aus Grünland und zu 17 Prozent aus Gewässern (13 Prozent Gräben). In diesem Gebiet sollen laut Naturschutzverordnung besonders die Gräben und das Grünland mit seinen Wiesenvögeln geschützt werden. "Der Räum- und Pflegestau in den letzten Jahrzehnten führt in den Gräben zur Verlandung", sagt Nabu-Naturschutzreferent Christian Gerbich. Um hier eine ökologische Verbesserung zu erzielen, müssten pro Jahr bis zu 70

Bis zu 70 Kilometer Gräben müssten geräumt werden

Kilometer Gräben geräumt werden. Die Kosten dafür entsprächen einem Finanzvolumen von etwa 50 Prozent des derzeitigen Pflege- und Entwicklungsetats der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt.

Vor dem Hintergrund, dass im indischen Hyderabad noch bis zum 19. Oktober der Weltnaturschutzgipfel tagt, auf dem um die notwendigen Mittel für internationalen Naturschutz gerungen wird, und dem Streit um Naturschutzmittel im EU-Haushalt, fordert der Nabu nun auch den Hamburger Senat auf, die finanziellen Weichen für die Rettung der biologischen Vielfalt in der Hansestadt zu stellen.

Hamburg sollte mit gutem Beispiel vorangehen

"Wenn selbst Hamburg als reichste Region Deutschlands nicht bereit ist, den Erfordernissen für den Naturschutz gerecht zu werden, können wir in Hyderabad entsprechende Anstrengungen nicht von den ärmeren Ländern verlangen", sagt Porschke. "Die Hansestadt muss mit gutem Beispiel vorangehen und künftig für den Naturschutz fünf Euro pro Einwohner und Jahr investieren." Nur so ließe sich der Pflegestau abbauen.