"Herzbrücke"

Jetzt muss Shila nur noch wachsen

Zollenspieker. Als Brigitte Eichholz ihren Gast am Flughafen Fuhlsbüttel in Empfang nimmt, kommen ihr die Tränen. "Dieses kleine Etwas war so anrührend", sagt sie. Shila ist für ihre sechs Jahre nicht nur klein, sondern auch äußerst zart und zerbrechlich.

Das afghanische Mädchen wog gerade mal 11,5 Kilogramm. "Sie hatte einfach nicht die Kraft zu essen", sagt Brigitte Eichholz.

Die 47-Jährige, ihr Mann Dirk und die Kinder Marlene, Maximilian und Marie nehmen bereits zum zweiten Mal ein Kind aus Kabul in ihrer Familie auf, das in seiner Heimat über kurz oder lang an einem schweren Herzfehler gestorben wäre. Shila gehört zu den sieben Glückskindern, die vom Ärzteteam der "Herzbrücke" für eine Operation in Hamburg ausgesucht wurden.

Dr. Friedrich-Christian Rieß, Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie am Herzzentrum des Albertinen-Krankenhauses, rief das Projekt "Herzbrücke" gemeinsam mit Kollegen 2005 ins Leben. Ziel ist es, herzkranken Kindern aus Krisen- und Kriegsgebieten eine lebensrettende Operation zu ermöglichen. Die Albertinen-Stiftung unterstützt dieses ehrenamtliche Engagement von Ärzten, Pflegenden und Gasteltern. Dank ihrer Hilfe konnte bislang 95 Kindern eine zweite Chance zu leben geschenkt werden. Die Kosten für die Behandlung bewegen sich je nach Schwere des Herzfehlers zwischen 5000 und 25 000 Euro pro Kind. Sie werden ausschließlich aus Spenden bezahlt.

Hansgeorg Bode hörte einen Vortrag von Dr. Rieß über die Arbeit der "Herzbrücke" und fand ihn "begeisternd und bedrückend zugleich". Danach war klar: Die Optiker-Bode-Stiftung, die er und seine Frau Birgit 2006 gegründet hatten, wird das Projekt unterstützen. So übernahm das Ehepaar zum zweiten Mal die Patenschaft für ein herzkrankes Kind, spendete jeweils 11 000 Euro - das ist der Durchschnittspreis für eine Operation. Dieses Mal profitierte Shila.

Bode besuchte am Freitag sein "Patenkind" am Kirchwerder Elbdeich und konnte sich von dessen gesundheitlichen Fortschritten überzeugen. Fast noch mehr imponierte ihm aber das liebevolle Umfeld in der Gastfamilie.

Brigitte Eichholz kann jetzt durchatmen, das Schlimmste ist überstanden. Shilas Ankunft verzögerte sich um fast zwei Monate, weil die Kinder keine Visa erhielten. Am 2. Juni traf sie schließlich ein. "Die ersten zwei Wochen hing sie mir nur am Bein", sagt die Kinder-Intensiv-Krankenschwester, die seit knapp 30 Jahren im Altonaer Kinderkrankenhaus beschäftigt ist und bei der Nachbetreuung operierter Kinder mit dem Projekt "Herzbrücke" in Kontakt kam. "Kaum wich ich von ihrer Seite, fing sie an zu weinen." Wegen des permanenten Sauerstoffmangels hechelte die Sechsjährige wie ein Hund, ihr Herzschlag von bis zu 160 pro Minute glich dem eines Neugeborenen. Zudem litt sie unter starken Schweißausbrüchen. "Shila war so kraftlos, dass ich sie in einer Karre geschoben habe", sagt Brigitte Eichholz.

Es folgten viele Untersuchungen, weil nicht klar war, ob das 1,8 Zentimeter große Loch zwischen den beiden Herzkammern überhaupt operabel ist. Um das zu prüfen, wurde ihr bei einem ersten Eingriff im Universitätskrankenhaus Eppendorf, das bei diesem Projekt mit dem Albertinen-Krankenhaus kooperiert, ein Katheter eingesetzt. Das Ergebnis war positiv. Am 4. Juli wurde Shilas Loch bei einer sechsstündigen Operation geschlossen. "Ich bin fast durchgedreht", sagt Brigitte Eichholz, die im UKE wartete. "Aber nicht nur ich, die ganze Familie war angespannt." Es sei schon erstaunlich, wie schnell einem die Kinder ans Herz wachsen. Fünf Tage später durfte Shila das UKE verlassen.

Sie entwickelt sich prächtig. Am Freitag telefonierte sie lange mit ihrem Vater, einem Polizisten. Ende August wird Shila wieder in ihre Heimat fliegen - als gesundes, kleines Mädchen. Ohne Herztabletten wird sie aber erst einmal nicht auskommen. Dafür haben ihre beiden Herzkammern zu lange unterschiedlich stark gearbeitet.

Wer die "Herzbrücke" unterstützen möchte, die nicht nur Geld für die Operationen, sondern auch für die Ausbildung afghanischer Ärzte in Deutschland und moderne Sonographiegeräte in Kabul braucht, überweist an: Albertinen-Stiftung "Herzbrücke", Kontonummer 11 44, Bankleitzahl 251 205 10, Bank für Sozialwirtschaft, Stichwort: "Herzkinder".