Zeugnisse

Von Sütterlin-Kopfnoten bis zum "Rabenbericht"

Billwerder. Lange Berichte, kurze Anmerkungen, eine Punkteskala von 1 bis 15, Noten von sehr gut bis ungenügend oder 1 bis 6, manche ergänzt mit "G" und "E": Schulzeugnisse haben viele Gesichter.

Gestern hielten Tausende Eltern und Großeltern die aktuellen Dokumente ihrer Kinder und Enkel in den Händen. Mancher denkt da an die eigene Schulzeit zurück. Wie war das damals mit dem ersten Zeugnis? Wie sah es aus und was löste es aus?

Imme Schwirten (80) aus Billwerder erinnert sich noch gut an das erste Schulzeugnis, das Lehrer Ockert von der Schule Kirchwärder-Warwisch 1938/39 ihr auf zwei Seiten ihres himmelblauen, schulheftgroßen Zeugnisbuches ausstellte. Mit blauer Tinte, fein in Sütterlin geschrieben, wimmelt es von Fehlern. "Mit großen Augen sah ich die 4 in Rechnen", sagt sie und muss lächeln bei der Erinnerung an ihr ungläubiges Gesicht. Tatsächlich hatte sich Lehrer Ockert beim Übertragen der Noten häufig vertan, musste bei den sieben Fächern von "Sprache" über "Rechnen" bis "Zeichnen" einiges verbessern. Zudem gab es Kopfnoten. Die Beurteilungen für "Führung, Ordnung, Fleiß" wurden am Anfang, also im Kopf des Zeugnisses notiert. Viel Auswahl gab es da nicht: Nach "sehr gut" und "gut" war mit "im ganzen befriedigend" schon das Ende der Skala erreicht.

Ihr Zeugnis hat Imme Schwirten gern nach Hause gebracht. Die Belohnung war immer lecker: "Ich durfte aussuchen, was es zum Mittagessen geben sollte. Natürlich waren das Pfannkuchen."

Handgeschrieben ist auch das erste Zeugnis von Tochter Wiebke (52), das Lehrerin Wohlers 1967 an der "Volksschule Billwerder" ausstellte. Die Kopfnoten sind einem allgemeinen Bericht über "Haltung, Mitarbeit und Leistung" gewichen. "Sie ist ruhig und zurückhaltend" heißt es da. Wer hätte das gedacht. Zuhause wurde das im Zeugnis vermerkte musikalische Talent ebenso gelobt wie das "befriedigend" im Rechnen. Die Zeile "Versetzt nach Kl. 2" ließ das kleine Mädchen sogleich stolz zu "den Großen" gehören.

Enkelin Mia (17) blättert fasziniert in den alten, teilweise schon schwer vergilbten Zeugnissen von Oma und Mutter und schaut auf das erste eigene aus dem Jahr 2002. Ganz anders sieht es aus: Zwei eng mit Computer-Hilfe geschriebene Seiten geben Auskunft über das Mädchen aus der "Raben"-Klasse an der Clara-Grunwald-Grundschule. Keine Noten, keine Punkte, dafür eine detaillierte Einschätzung. Respekt: Die Lehrerinnen müssen wirklich jedes einzelne Kind gut Blick gehabt haben. Lächelnd liest die 17-Jährige die Zeilen, die sie als Erstklässlerin loben, ermuntern und auch ein bisschen mahnen: "Ich habe diese Zeit geliebt. Wir haben klassenübergeifend, ohne Leistungsdruck gearbeitet und dabei das Wichtigste, nämlich das Lernen, gelernt."

Der Blick auf alte Zeugnisse löst nicht nur Erinnerungen aus, sondern macht auch wunderbar klar: Wie immer es ausfällt, es ist keine Krise wert. Denn was einer schaffen kann, zeigt sich nicht nur in Noten. Wer dennoch über sein Zeugnis traurig ist und über seine Sorgen sprechen möchte, kann sich an die Beratungsstelle "Rebus" wenden: Der Zeugnisdienst ist bis zum 22. Juli zwischen 8 und 16 Uhr unter Telefon (040) 428 99 20 02 zu erreichen oder per E-Mail an schueler-zeugnisdienst@bsb.hamburg.de .