Hobby

Weltenbummler mit großer Heimatverbundenheit

Altengamme. Nur eine Stunde trennte ihn vom Tod. Als Heinrich Lütten vor zehn Jahren den Abstieg vom nepalesischen Pik Island (6450 Meter) zum "Highcamp" wagte, rutschte er aus und stürzte zwölf Meter tief.

Durch Zufall fand ihn eine andere Bergsteigergruppe. Mit vereinten Kräften trugen sie den Schwerverletzten vom Berg. Zwei Wochen lag der damals 64-Jährige in einem Krankenhaus in Katmandu im Koma. "Der Unfall verfolgt mich bis heute", sagt Lütten. Seither geht er das Reisen moderater an - nicht mehr auf eigene Faust, sondern mit Gruppen.

Reiselust steckte schon immer in dem Lehrer für Geografie, Latein und Mathematik, der seit 35 Jahren mit seiner Familie am Altengammer Elbdeich wohnt. "Ich wollte die Welt kennenlernen, sehen, wie Menschen in anderen Ländern leben", sagt Lütten. Gemeinsam mit seinen Schülern organisierte er spannende Klassenreisen: mit dem Zelt nach Rom oder mit dem Fahrrad durch die Niederlande. 1992 wanderte Lütten mit 17 Bornbrook-Schülern auf Hannibals Spuren über die Alpen. In etwa 2500 Meter Höhe überquerte die Gruppe den Hauptkamm, den Col du Clapier - wie der karthagische Feldherr mit seinen Soldaten, Pferden und Elefanten vor 2242 Jahren.

Mehr als 30 große Abenteuer-Reisen liegen hinter ihm - in alle europäischen Länder, Asien, Afrika und Amerika. "In China habe ich eine Bootstour auf dem Jangtsekiang gemacht und im Museum von Xi die legendäre Terrakotta-Armee gesehen - das war mehr als beeindruckend", sagt der Weltenbummler. In Afrika bereiste er Ägypten, Namibia und Südafrika. Die USA besuchte Lütten mehrfach: "Besonders ergriffen war ich von den Niagara-Fällen. Die habe ich mir stundenlang angeschaut." In Südamerika war die peruanische Inkasiedlung Machu Picchu der absolute Höhepunkt für ihn.

Seine Reise nach Japan im Vorjahr musste er vorzeitig abbrechen, als das Erdbeben mit Tsunami über Fukushima hereinbrach. "Ein furchtbares Unglück", sagt Lütten. Das Leid der Menschen, die mit den Folgen der Zerstörung und der Strahlengefahr durch das Atomkraftwerk leben müssen, hat ihn tief getroffen.

Ähnlich stark wie seine Reiselust ist Lüttens Heimatverbundenheit. Durch seine Eltern - Anna Puttfarken aus Altengamme und Erich Lütten aus Geesthacht - reichen die Familien-Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurück. Heinrich Lütten ist ein Hamburger Jung, geboren 1937 im Stadtteil Hamm. Als der 1943 ausgebombt wurde, zog die Familie zu Verwandten nach Altengamme und 1949 ins alte Fachwerkhaus an den Altengammer Elbdeich 14. Nach dem Studium verschlug es Lütten nach Wesel am Niederrhein, wo er zwölf Jahre mit seiner Frau Ruth, ebenfalls Lehrerin, und den beiden Söhnen Christian und Volker lebte. 1976 folgte die Rückkehr in das Reetdachhaus von 1584 am Elbdeich. "Hier haben wir unser Paradies geschaffen", sagt Lütten, der bis zu seiner Pensionierung Lehrer am Gymnasium Bornbrook war.

Sein Lieblingsplatz befindet sich am Borghorster Brack: "Hier sitze ich oft und beobachte die reiche Vogelwelt." In den idyllischen Garten laden die Lüttens alle Gruppen ihres Lebens ein: Alte Schulkollegen, ehemalige Mitreisende, die Grünen Damen von Ehefrau Ruth, liebe Freunde, Bekannte und Verwandte treffen sich hier.

Zwischen den Reisen hat sich Heinrich Lütten seinen festen Platz in der Altengammer Gemeinde aufgebaut. "Ich war 23 Jahre im Kirchenvorstand - das war eine sehr beglückende Zeit", sagt er. Noch heute macht der 74-Jährige Führungen durch die "schönste Dorfkirche Norddeutschlands" und schreibt Texte im Gemeindebrief Celsa.

Dieses Jahr wird die Zeit dafür aber knapp, immerhin plant er drei Reisen. "Ich möchte den brasilianischen Regenwald erkunden." Vorher besucht er Litauen, Estland und Lettland und im Herbst will er durch das Riesengebirge wandern - wie sooft ohne seine Frau, die ihm die Reiselust aber gern zugesteht.

Wenn dann noch Zeit bleibt, sitzt Heinrich Lütten auf der Bank unter der Linde vor dem Haus und beobachtet die Elbe. Und kommt ein Wanderer dazu oder eine Radfahrerin stoppt, werden sie vom Hausherrn begrüßt und mit einem Glas Wein bewirtet.