Behindertenbetreuung

Helfen und für das Leben lernen

Neuengamme. Sie sprangen ins kalte Wasser. Heute, gut ein halbes Jahr nach Beginn ihrer Arbeit, haben sich die 30 freiwilligen Helfer bei der ISB - der Individuellen Schwerstbehinderten Betreuung - freigeschwommen. Alle sind geblieben.

Denn keiner der 18 jungen Männer und zwölf Frauen möchte die verantwortungsvolle Beziehung zu seinen Schützlingen missen.

So wie Marcel von Hacht (20), der einen kleinwüchsigen Jungen (8) betreut: "Wir haben eine enge Beziehung aufgebaut, ich fühle mich dem Kind sehr verbunden", sagt Marcel. Er hilft dem Jungen bereits im zweiten Jahr.

Während des zwölfmonatigen Bundesfreiwilligendienstes begleiten die jungen Erwachsenen körperlich oder geistig behinderte Kinder und Jugendliche beim Unterricht in Regel- und Förderschulen, Integrationsklassen und Kindergärten. Sie essen gemeinsam, gestalten die Freizeit und unterstützen sie in ihrem Tagesablauf.

"Viele Helfer kommen direkt nach dem Abitur zu uns und betreten mit der Behindertenarbeit absolutes Neuland", sagt Martin Waltsgott, der die ISB-Einsatzzentrale im Neuengammer Gemeindehaus an der Feldstegel 18 leitet. Mit seinem Team koordiniert der Altengammer Pastor die Betreuung von 40 schwerstbehinderten Menschen im Gebiet zwischen Boberg und Geesthacht.

Nachdem die Bundesregierung 2011 den Wehr- und Zivildienst aussetzte, zählen erstmals junge Frauen zum Helferteam. "Jetzt können wir noch genauer schauen, welches Kind zu welchem Betreuer passt", sagt Waltsgott. Josephine Neumann (18), die ein achtjähriges Mädchen betreut, das geistig und körperlich auf dem Stand einer knapp Zweijährigen ist, übernimmt auch das Wickeln. "So kann ich die Erzieherin entlasten", sagt Josephine. In der Klasse ihres Kindes in der Förderschule Weidemoor sind insgesamt sieben Kinder, ein Lehrer, eine Erzieherin und drei weitere Betreuer.

Wie bei vielen der Helfer beginnt Josephines Einsatz mit dem Abholen des Kindes vom Bus. Eine tägliche Freude ist das gemeinsame Kochen: "Die Kleine liebt es, Pudding zu rühren und zu essen", sagt Josephine. "Ich freue mich dann tierisch, wenn sie lächelt - das passiert nicht oft." Es war nicht einfach, eine gute Beziehung zu entwickeln. Anfangs war das Mädchen abweisend und aggressiv, brauchte lange, um sich an ihre neue Betreuerin zu gewöhnen. Das fordert heraus und macht kreativ: "Ich war von mir überrascht, was ich alles kann, wenn es darauf ankommt", sagt Josephine.

Die jungen Helfer lernen aber nicht nur im Alltag mit neuen Situationen umzugehen, sie bekommen auch professionelle Unterstützung. "Wir bieten insgesamt fünf Wochen gezielte Fortbildung an", sagt Waltsgott.

Moritz Kowalski (19) betreut zwei 13-Jährige, einen Jungen und ein Mädchen, in einer Integrationsklasse der Gesamtschule Bergedorf. Für ihn liegt der Fokus mehr auf den Fähigkeiten der Kinder und ihrem liebevollen Wesen als auf deren Behinderung. "Der Junge kann sehr gut auswendig lernen und hat in kürzester Zeit den 'Zauberlehrling' von Goethe aufsagen können", sagt Moritz. Er genießt die gemeinsame Zeit mit den Kindern und ihrer ausgelassenen Lebensfreude.

Gute Laune versprüht auch Patricia Mackens' Schützling - ein zwölfjähriges, lernbehindertes Mädchen im Rollstuhl. "Es ist so schön, wie sie sich auf mich freut und ich erleben kann, was sie alles schafft und wie viel Spaß sie dabei hat", sagt Patricia. Fortschritte motivieren nicht nur die Kinder, sondern auch die Betreuer. Rickmer Siemens hat sich für seinen Schützling, einen siebenjährigen Jungen mit starker Konzentrationsstörung, eine besondere Strategie ausgedacht. Er verpackt viele schulische Aufgaben für seinen Schützling in "Star Wars"-Geschichten, die dieser mit Begeisterung löst.

Wie seine Kollegen hat Rickmer beim ISB "für das Leben gelernt", ist oft über sich hinausgewachsen. "Es gibt die Möglichkeit, nach den Sommerferien diese Lebenserfahrungen zu machen", sagt Waltsgott.

Wer sich über den Bundesfreiwilligendienst bei der ISB näher informieren möchte, vereinbart einen Gesprächstermin unter Telefon (040) 72 37 18 00 (montags und donnerstags, 8.30 bis 12 Uhr).