Moorfleeter Kanal

Der Weg war nur an den Hecken zu erkennen

Wir wohnten 1962 in der Kleingartensiedlung am Kanal, der zwischen Halskestraße und Andreas-Meyer-Straße liegt. Heute ist da in der Halskestraße ein Industriegebiet.

In der Sturmflutnacht weckte uns mein Bruder auf, klopfte an das Schlafzimmerfenster und schrie: "Der Kanal läuft über!"

Wir hatten drei kleine Kinder zwischen zwei und sechs Jahren. Ich war damals 29 Jahre alt. Wir schauten aus der Tür, da war das Wasser schon vor der Eingangsschwelle. Wir zogen eiligst unsere Kinder an, dabei ging das Licht dann aus. Wir hatten einen kleinen Handwagen, da passten die beiden Kleinsten in einer Wolldecke hinein. Die Sechsjährige musste durch das Wasser stapfen. Der Weg war nur an den Hecken zu erkennen, alles andere bildete mit dem Kanal zusammen eine einzige Wasserfläche. Wir zogen zur Eisenbahnbrücke zum Bahnhof Billwerder-Moorfleet, weil er höher gelegen war. Unterwegs standen etliche Leute auf Flachdächern und riefen um Hilfe. Lange stand ich mit den Kindern im eisigen Sturm auf der Brücke. Mein Mann hatte noch viele Leute aus dem Schlaf getrommelt, deren Häuser unter der Brücke lagen. Dann sahen wir, wie das Wasser in den Gleisen Richtung Mittlerer Landweg schoss.

Nach etlicher Zeit des Frierens brachte uns ein früherer Nachbar, der ein Auto hatte, nach Horn zu meiner Schwägerin. Dort blieben wir einige Tage und Nächte. Mein Mann hatte ein Moped und benachrichtigte uns über die Lage zu Hause. An der Haustür ist das Wasser aber stehen geblieben, ohne in das Haus zu laufen. Meine Eltern hatten ihr Haus etwa 300 Meter weiter, das lag noch tiefer. Sie hatten das Wasser ungefähr 1,50 Meter hoch in der Wohnung. Sie wollten noch Bettzeug retten und packten es auf Kleiderschränke, aber die kippten um und alles lag doch im Wasser.

Mein Bruder, der mit seiner Familie ein paar Straßen weiter Richtung HEW wohnte, ist als erster vom Wasser überrascht worden, ehe er uns weckte. Da stand das Wasser sehr hoch der Wohnung. Meine älteste Tochter hat es bis heute nicht vergessen, die beiden Kleineren können sich aber daran nicht mehr erinnern. Ich habe dann tagelang für meine Eltern Wäsche gewaschen und getrocknet, als wir nach einigen Tagen wieder in unser Haus zurückgekehrt waren. Hoffentlich passiert so etwas nicht noch einmal dort, wo ich jetzt wohne, in Ochsenwerder.