Fährstraße

Flutwelle rauschte durch die Straße

1962 wohnte ich mit meinen Eltern und fünf Geschwistern in Wilhelmsburg an der Fährstraße 110. Dort hatten wir eine Dienstwohnung in der Buchdruckerei "Schüthe" beziehungsweise "Wilhelmsburger Zeitung". Das Haus der Druckerei und das Nachbarhaus stehen nicht mehr. Dort führt jetzt die neu erbaute Hafenrandstraße durch.

Am 16. Februar hatte ich nach der Arbeit meine älteste Schwester in Langenhorn besucht - es wurde spät und ich war froh, kurz vor Mitternacht eine der letzten Straßenbahnen nach Wilhelmsburg/Harburg zu erreichen. Bei der Fahrt über die Elbbrücken fiel mir der ungewöhnlich hohe Wasserstand an den Elbbrücken auf. Die Wellen schienen die Unterseite zu berühren.

Die Fahrt über die Veddel, die Harburger Chaussee und die Alte Landesgrenze zum Veringplatz endete ohne besondere Vorkommnisse, und so konnte ich mich kurz darauf müde ins Bett legen. Doch der Schlaf dauerte nicht lange. Es muss gegen 1 Uhr gewesen sein, als mein Vater uns alle aufgeregt mit dem Ruf "Da rauscht Wasser durch die Straße!" aufweckte.

Tatsächlich sahen wir aus Richtung Reiherstieg/Reiherstiegdeich/Ernst-August-Deich Wassermassen über die Straße strömen. Vereinzelt schwammen Autos darauf.

Plötzlich ließ der Strom in Richtung Fährstraße nach. Er hatte sich einen Weg zwischen unserem und dem Nachbarhaus gebahnt. Das Wasser strömte dort derart stark durch die enge Toreinfahrt, dass wir befürchteten, die Fundamente unseres Hauses werden unterspült. Unsere Einfahrt blieb dagegen komplett trocken.

Einige Autos schwammen an den Hauswänden entlang und versanken dann neben den freigespülten Kellerkasematten. Andere hatten sich schon vorher in ein ausgekolktes Loch hinter den den Ernst-August-Deich diagonal kreuzenden Eisenbahnschienen verabschiedet.

Ich weiß nicht mehr, warum wir die Szenerie so deutlich erkennen konnten. Vielleicht schien der Mond.

Eigenartigerweise blieb die Fährstraße für uns etwas später fast bis zur Schule Nummer 90 begehbar. Sie führte nämlich Richtung Reiherstiegdeich etwas bergan.

Viele Nachbarn hatten offensichtlich noch nichts von der dramatischen Situation mitbekommen - wir bildeten nur ein kleines Grüppchen.

Obwohl ständig der Sturm heulte, hörten wir plötzlich Hilfeschreie aus dem tiefer liegenden, dunklen Gartengelände. Gemeinsam überlegten wir, wie man zu den Hilfesuchenden kommen könnte. Doch es gab keine Chance, da wir weder ein Boot noch Material für ein Floß auftreiben konnten. Am nächsten Morgen sahen wir dann das Gewirr von Stacheldraht, Holz, Fässern etc. Das wäre beim eventuellen Einsatz mit einem Schlauchboot lebensgefährlich geworden.

Am Sonnabend machte mein großer Bruder, Peter Sander, Aufnahmen von der neu einsetzenden Flut. Die fand jetzt ungehinderten Zugang durch die in der letzten Nacht geschlagenen Breschen.

Unsere Familie hatte gerade den Neubau eines Einfamilienhauses in Billwerder erstellt. Wir befürchteten das Schlimmste und darum machte ich mich am Sonnabend auf den Weg. Es gelang mir, über den Reiherstiegdeich und den Veddeler Damm Richtung Bergedorf zu kommen. Die Straßen im Hafen schienen höher zu liegen. Dort hatte die Flut nicht so schlimm wüten können.

In Billwerder hatte das Wasser die Felder überflutet, aber am Billwerder Billdeich geendet. Der Neubau lag geschützt im Trockenen.

Deutlich später sah ich Bilder vom Deichbruch am Spreehafen, der Alten Landesgrenze, der Harburger Chaussee und dem dahinter liegenden Schrebergartengelände. Hier gab es die meisten Wilhelmsburger Toten. Die Tankstelle in der Kurve an der Alten Landesgrenze war total verschwunden, und die davor liegenden Straßenbahnschienen bildeten ein Gewirr, das wie ein riesengroßer Korkenzieher in die Luft ragte - und da war ich mit anderen, ahnungslosen Fahrgästen noch eine Stunde vor der Katastrophe mit der Straßenbahn durchgefahren.