Moorfleeter Deich

Brüder retteten alte Frau

Ich war 16 Jahre alt und ging in St. Georg auf die Realschule. Wir hatten auch samstags Schule. Mit meinen Eltern und drei Geschwistern bewohnte ich ein Mehrfamilienhaus am Moorfleeter Deich 114. Unser Haus stand außendeichs und hatte vier Wohnungen.

Eine befand sich im Tiefgeschoss und war über den Hof erreichbar. Er lag ebenfalls außendeichs und hatte ein Wasserablaufsiel, das aber nun bei steigender Flut umgekehrt funktionierte. Gegen 23 Uhr stand hier das Wasser bereits einen Meter hoch und lief in die Tiefgeschoss-Wohnung, in der eine alte Frau lebte.

Mein Bruder und ich machten uns gegen Mitternacht auf den Weg, um über den Deich in Richtung ehemaliger Korkfabrik zur Elbe am Holzhafen zu schauen und eventuell irgendwo helfen zu können.

Als wir zurückkamen, hörten wir aus dem Tiefgeschoss die alte Frau wimmern. Wir stapften im hüfttiefen Wasser in die Wohnung der Frau, um sie herauszuholen. Sie hatte sich auf einen Tisch gerettet, mein Bruder nahm sie huckepack und brachte sie in unsere Wohnung. Da das Wasser in ihrer Wohnung später bei 1,80 Meter gemessen wurde, wäre sie mit Sicherheit ertrunken.

Zwischen 1 und 2 Uhr gingen wir nochmals, mit Fotoapparat ausgestattet, in die andere Richtung über den Deich. Das Wasser lief mittlerweile über die Krone die Deichböschung hinunter auf die Felder. Der Deich war damals mit Pflastersteinen belegt, sie bröckelten aus dem Verbund heraus und polterten die Böschung hinunter. Dieses Geräusch werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Am nächsten Morgen war es totenstill. Kein Strom und wohin man sah: nur Wasser.

Der Deich war bei der Schiffswerft Grube und beim Futtermittelhändler Hamann gebrochen. Das Wasser hatte sich an beiden Stellen ins Hinterland bis Bergedorf ergossen. Einen zusätzlichen Weg fand das Wasser auch durch die gerade ausgehobene Trasse der im Bau befindlichen Autobahn 1.

Alle Bewohner innerhalb der beiden Bruchstellen waren eingesperrt und auf Versorgung von außen angewiesen. Meine Eltern betrieben das seit 1879 bestehende Lebensmittelgeschäft "Kaufhaus Henry von Hacht". Dieses Geschäft war in der Nachkriegszeit durch "Produktion" und andere Lebensmittel-Ketten zum "Tante-Emma-Laden" geworden. Aber in dieser schweren Not war das Geschäft auf einmal proppevoll und meine Eltern sahen Kunden, die sie lange nicht gesehen hatten.

In den nächsten Tagen war es dann so kalt, dass das Wasser in den überschwemmten Gebieten auch noch zufror.

Eindrücke, die haften geblieben sind: Alle standen sich in der Not bei und halfen, wo es ging. Es war einmalig.

Das Gute war, dass ich am Samstag nicht zur Schule musste, aber ich wäre gern gegangen, wenn all das nie passiert wäre.