Vor 50 Jahren

Wasser links und rechts der Deiche

Am Abend des 16. Februar 1962 wiederholten sich die Wehen bei meiner Frau in immer kürzeren Abständen, und ich brachte die süße 19-Jährige mit dickem Bauch in das Bergedorfer Krankenhaus. Eine große gepolsterte Tür wurde uns geöffnet, meine Frau durfte eintreten und mir wurde die große Tasche abgenommen.

Schnell noch einmal drücken, ein Abschiedskuss, und die große gepolsterte Tür war wieder zu. Ich stand davor und wartete - bis meine Mutter, die uns begleitet hatte, mir klar machte, dass sich die Tür für mich nicht mehr öffnen würde. Wir gingen.

Das Wetter war nasskalt und stürmisch. Wieder zu Hause, musste ich das erste Mal als junger Ehemann allein einschlafen und morgens rechtzeitig aufwachen. Telefonisch hatte ich im Krankenhaus nachgefragt, aber unser Kind war noch nicht geboren.

Pünktlich stand ich am Sonnabend, 17., an der Bushaltestelle, um noch einen halben Tag Dienst bei der Bereitschaftspolizei zu absolvieren. Dann hatte ich eine Woche Urlaub und konnte mich um meine Frau und unser Kind kümmern - aber es kam alles ganz anders.

In der Kaserne in Alsterdorf angekommen, trillerte die laute Pfeife von unserem Spies. Alle raus auf den Flur und zehn Minuten später waren wir in voller Montur auf den Mannschaftswagen. Was genau passiert war, wusste noch niemand. Unser Einsatzort war Moorburg. Dort sahen wir die Wassermassen links und rechts der Deichkronen, und tote Kühe dümpelten im Wasser. Hubschrauber und Rettungsbote kreisten umher und holten Menschen von den Dächern ihrer Häuser.

Am fünften Tag hatte ich meine Bereitschaftsuniform noch immer an. Wir waren wieder in der Unterkunft in Alsterdorf, ich hatte telefonieren können und erfahren, dass unsere Gabriela am 17. geboren war. Deshalb bekam ich zwei Stunden frei, um von Alsterdorf bis Bergedorf und zurück zu fahren. Ein Kollege gab mir seinen VW Käfer. Ich fuhr nach Bergedorf und hielt vor einem Gemüseladen, um Äpfel und Blumen für meine Frau zu kaufen. Das dauerte gut fünf Minuten, aber ich hatte den ganzen Verkehr auf der Holtenklinker Straße aufgehalten, denn das war die einzige Verbindung von Hamburg nach Geesthacht und Lauenburg. Ein langes Hupkonzert war die Folge.

Dann war ich auch schon im Krankenhaus. Drei Stufen auf einmal mit meinen dreckigen Knobelbechern und schon war ich wieder vor der großen gepolsterten Tür. Eine freundliche Schwester nahm mich in Empfang und führte mich in ein Zimmer. Einen Moment musste ich noch warten, weil ich "fünf Tage zu spät" und außerhalb der Besuchszeit gekommen war. Das Knistern des Blumenpapiers war drinnen zu hören und meine Helga war erlöst. Die Tränen kullerten, unsere Gabriela wurde geholt und unser kleines Familienglück war vollkommen.

Nach 30 Minuten war die Besuchszeit zu Ende und ich fuhr in entgegengesetzter Richtung zurück. Jetzt ist mir der nicht abreißende Fahrzeugstrom bewusst geworden.

Pünktlich erreichte ich das Kasernentor, aber die Mannschaftswagen fuhren ohne mich vom Kasernengelände wieder Richtung Flutgebiet.