Mittlerer Landweg

Einige saßen frierend auf den Dächern

Im Jahre 1962 feierten mein späterer Mann und ich am 4. Februar unsere Verlobung. Wir hatten uns beim Deutschen Roten Kreuz kennen- und liebengelernt.

In der Nacht von Freitag auf Samstag wurde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen: "Los, du hast einen Einsatz." Mit Einsatzfahrzeugen wurden wir an die Deiche in Vierlanden gefahren, um die Bewohner zu wecken und vor der Flut zu warnen. Es war dunkel, kalt und sehr stürmisch. Die Schwesternhelferinnentracht war auch nicht allzu warm. An ein Haus kann ich mich noch gut erinnern. Eine Frau fragte mich: "Muss ich meine Mutter anziehen? Sie liegt im Keller im Bett, sie ist gelähmt."

Die Autobahn 1 nach Lübeck war noch eine Baustelle. Auf einer Anhöhe bei Billwerder-Moorfleet befand sich die Baracke der Bauleitung. Auf dem umliegenden Gelände waren Schrebergartensiedlungen, wo die Menschen nach dem Krieg vorerst - in ihren ehemaligen Gärten - eine Bleibe gefunden hatten.

Am Samstagmorgen hätte ich meinen Dienst als Apothekenhelferin in der Apotheke am Bahnhof Billwerder-Moorfleet antreten müssen. Stattdessen wurde ich in der Baracke eingesetzt. Die freiwilligen Helfer diverser Hilfsorganisationen fuhren mit Booten durch die Schrebergarten-Siedlung zu den einzelnen, schon vom Wasser eingeschlossenen Behelfsheimen und bargen die dort frierend ausharrenden, zum Teil noch im Bett befindlichen Menschen. Einige saßen sogar klappernd auf den niedrigen Dächern.

Sie wurden alle zu mir in die Baracke gebracht. Der Anblick von alten Rentnern - nur mit Nachthemd, Mantel und Geschirrhandtuch auf dem Kopf zum Schutz vor der Kälte - hat mich schwer erschüttert. Zum Teil gab ich ihnen persönliche Kleidungsstücke, ich saß ja im Trockenen. Ich notierte alle Namen, um bei Nachfragen von Angehörigen Auskunft über ihren Verbleib geben zu können. Viele waren mir aus der Apotheke bekannt. Die meisten Bewohner der Schrebergartensiedlung hatten ihren Hausarzt (Dr. Schröder) am Unteren Landweg und lösten ihre Rezepte bei uns ein. Da sowohl eine Sparkasse, die Post und die Pro sich in unmittelbarer Nähe befanden, war das ein stark besuchter Ort.

Diese Menschen wurden von der Baubaracke mit Einsatzfahrzeugen von Zivilschutz und Feuerwehr zum Lichtwarkhaus nach Bergedorf transportiert. Dort wurden sie mit dem Nötigsten versorgt. Zu der Zeit hatte mein Verlobter schon Schwierigkeiten, von der Baracke über den Mittleren Landweg zum Billwerder Billdeich nach Hause zu fahren. Es ging nur mit "Anlauf" unter der Bahn hindurch, sonst wäre das Fahrzeug im Wasser stecken geblieben.

Am nächsten Arbeitstag hatte ich in der Apotheke den Auftrag, die Vorräte von Nettoartikeln im Keller nach Nutzbarkeit auszusortieren. Die Regale waren zum Teil umgestürzt. Verpackungen schwammen neben Flaschen herum. Ich wurstelte mich durch mit meinen Kanalarbeiterstiefeln, um zu suchen, was noch zu retten war. Leider erwischte mich ein rostiger Nagel, der aus einem Balken unter Wasser herausragte, durch die Stiefel in den Fuß. Nach Tetanusschutzspritze war damit meine Rettungsaufgabe beendet. Das Wasser, das jetzt überall stand, war durch die vielen menschlichen und tierischen Leichen, die darin trieben, an Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen.

Mein Verlobter hatte sich damals eine Krankheit zugezogen. Da er nicht mehr transportfähig war, musste er seiner Genesung in einem Gästezimmer meiner Familie entgegensehen.

Das ist nun alles 50 Jahre her. Durch die vielen Berichte und meinen Besuch der Ballinstadt wurde alles noch einmal lebendig. Viele Menschen von damals sind inzwischen leider verstorben, ich denke an sie.

Renate Fanter