Berufsleben

Nur wenige Meter zum Arbeitsplatz

Bergedorf. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es keine Besonderheit: Leben und Arbeiten unter einem Dach. Doch inzwischen nehmen immer mehr Menschen weite Wege zur Arbeit in Kauf, viele fahren an jedem Werktag 50, 60 oder mehr Kilometer, wohnen in der einen Stadt und arbeiten in einer anderen.

Unter dem gleichen Dach zu leben und zu arbeiten ist heute die Ausnahme. Wir besuchten Berufstätige in den Vier- und Marschlanden, die ihren Arbeitsplatz zu Hause haben.

Thomas Dahm (51) wohnt und arbeitet an der Feldstegel 52 in Neuengamme. "Bis zur Werkstatt muss ich 50 Meter gehen", sagt der Tischlermeister. Dort verbringt er die meiste Arbeitszeit: "Die Werkstatt verlasse ich in der Regel nur zum Liefern und Montieren", sagt er. Dahm sieht in dem kurzen Weg zu seiner Arbeitsstätte "eigentlich nur Vorteile". Kleinere Arbeiten wie das Auftragen einer letzten Lackschicht erledige er dadurch "auch mal zwischendurch, am Wochenende oder abends". Probleme mit Glatteis oder zugefrorenen Autoscheiben habe er äußerst selten.

Dass gelegentlich ein Kunde auch mal sonntags morgens an seiner Haustür klingelt, findet der Tischlermeister "halb so wild". Aber: "Wenn ich mal Urlaub machen möchte, muss ich schon wegfahren."

"Ich brauche nur die Treppe runterfallen und lande quasi im Kuhstall", sagt Jochen Quast und lächelt. Der Landwirt lebt im ersten Stockwerk eines alten Bauernhauses. Mit in dem kombinierten Wohn- und Wirtschaftsgebäude am Curslacker Deich 2 wohnen die Eltern des 46-Jährigen.

Quast übernahm den Familienbetrieb vor 20 Jahren. Er versorgt täglich knapp 120 Kühe, baut Getreide und Raps an. "Um sechs Uhr müssen die Kühe gemolken und gefüttert werden, ebenso abends. Da ist es natürlich ein Vorteil, keine lange Anfahrt zu haben", sagt Quast. Die Arbeitswege seiner beiden Brüder schrecken ihn ab: "Der eine fährt täglich eine gute Stunde mit Auto und Bahn in die Innenstadt, dasselbe zurück. Der andere wohnt in Barmbek und muss viel mit Bahn und Flugzeug reisen, da seine Firma auch Büros in Erfurt und Berlin hat. Das wäre nichts für mich", sagt Quast.

Ein Auto hat er trotzdem: "Ohne ist man hier schlecht dran. Bis zur nächsten Bushaltestelle muss ich eine Viertelstunde gehen, außerdem fährt der Bus nur alle Stunde."

Auf ihren Wagen mag auch Jessica Witt nicht verzichten - obwohl es von ihrer Wohnung am Süderquerweg 348 A zur Arbeit nur wenige Schritte sind. "Den Wagen hat aber meistens mein Mann, der damit zur Arbeit im UK Boberg fährt", sagt die 25-Jährige. Sie hat dort früher selbst gearbeitet. "Damals bin ich im Monat gut 500 Kilometer gefahren, nur um zur Arbeit und zurück zu kommen. Das Geld spare ich heute, gebe es für meinen dreijährigen Sohn aus", sagt Jessica Witt.

Die gelernte Bürokauffrau wechselte nach der Schwangerschaft in den elterlichen Betrieb, arbeitet als Verkäuferin und "Allround-Talent" im "Frischemarkt Stoof". Die Wohnung in dem Haus hinter dem Edeka-Markt gehört ebenfalls Jessica Witts Mutter Anja Stoof. Dort zog die 25-Jährige vor zweieinhalb Jahren, kurz vor Beginn ihrer Arbeit im Frischemarkt, ein. "Mein Weg zur Arbeit ist nur etwa 15 Meter weit", sagt sie. Vor einigen Jahren habe ich sogar noch dichter an dem Markt gewohnt, nämlich direkt darüber. Aber damals habe ich dort ja noch nicht gearbeitet."

An manchen Tagen muss die junge Frau um 5.30 Uhr im Laden sein. "Dann kommt es auf jede Minute an, bin ich froh darüber, erst um 5 Uhr aufstehen zu müssen."

Doch das Wohnen in der unmittelbaren Nachbarschaft ihrer Arbeitsstelle habe auch Nachteile: "Ich bin ständig verfügbar, springe dadurch öfter mal ein. Das mache ich auch gern, aber hin und wieder wünsche ich mir doch, etwas weiter außerhalb des Radius' zu sein." Dies sei aber der einzige Nachteil, berichtet die junge Mutter, die schon als Kind viel Zeit in dem Edeka-Markt verbracht hat. "Ich kenne viele Kunden. Hier ist alles familiärer als in den großen Märkten in der Stadt", sagt sie. Überhaupt sei Jessica Witt "ein Familienmensch".

Das sagt auch Torsten Stender von sich. Der 36-Jährige lebt mit Frau und Sohn (5) am Tatenberger Deich 154. Die Eltern wohnen mit in dem großen Haus, haben ihren eigenen Bereich mit separatem Eingang. Die Großmutter lebt im Anbau. "Als ich klein war, saßen hier mehrere Generationen zusammen im Wohnzimmer vor dem Fernseher."

Vor der Haustür des Gärtnermeisters ist der "Hofladen Stender", den er mit seinen Eltern und seiner Frau betreibt. Die Produkte, vor allem Blumen und ein Teil des Gemüses, stammen aus eigenem Anbau. "Die Gewächshäuser sind auf der anderen Straßenseite", sagt der Juniorchef.

Stender lebt und arbeitet schon seit eh und je am Tatenberger Deich 154. Lediglich Anfang der 90er-Jahre zog es ihn "in die weite Welt" hinaus: Damals ging er für drei Jahre in die Lehre bei einem Betrieb in Ochsenwerder.

Stender fühlt sich in seinem kleinen Universum sehr wohl: "Ich habe meine Familie immer in der Nähe, sehe meinen Sohn nicht nur kurz morgens und abends", sagt er und fügt hinzu: "Außerdem bekomme ich eine Krise, wenn ich mal bei zähfließendem Verkehr in die Stadt muss. Mir tun die leid, die das täglich machen."

Die direkte Nachbarschaft des Hofladens berge aber auch Nachteile: "Oft wird an unserer Haustür geklingelt, wenn der Laden geschlossen ist. Wenn wir im Sommer im Garten sitzen und nebenan geschlossen ist, werden wir häufig angesprochen - obwohl wir schon in die entfernteste Ecke flüchten. Da muss man sehen, dass man wegkommt."