Gedenkstätte

Albträume und ihre Bewältigung

Neuengamme. Ein Häftling liegt im Feuer und verbrennt. Schräg hinter ihm hat sich ein anderer KZ-Insasse erhängt. Diese beiden grausamen Schicksale im Blick steht ein dritter Häftling mit weit aufgerissenen Augen in einem völlig ausgemergelten Gesicht.

Im Hintergrund dieses Szenarios schlagen weitere Flammen aus einem Schlot. Pierre Fertils Bilder erzählen ausschließlich von Gewalt, Unmenschlichkeit, Leid, Sterben und Tod. Und trotzdem wirken sie nicht nur beklemmend. Das Himmelblau, das der Franzose für die Lagerkleidung seiner Figuren wählt, nimmt den Darstellungen ein wenig die Schwere.

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme präsentiert erstmals in Deutschland in der Ausstellung "Albträume eines Deportierten" mehr als 50 Bilder, auf denen der Anästhesiearzt Dr. Pierre Fertil versucht, seine Zeit als Häftling im Konzentrationslager zu verarbeiten.

Fertil kam am 10. Februar 1923 in der Bretagne auf die Welt. 1944 wurde der Student verhaftet und im Juli in das KZ Neuengamme gebracht. Die Eindrücke seiner Fahrt in einem "Todeszug" und die grausamen Lebensumstände im Auffanglager Sandbostel, wo im April 1945 Tausende Häftlinge aus dem KZ Neuengamme und seinen Außenlagern eintrafen, verfolgten ihn ein Leben lang: "Das Unbewusste bohrte in mir. Jede Nacht träumte ich von dem Schrecken in den Lagern."

Um mit den Träumen und Bildern, die ihn heimsuchten, fertig zu werden, entwickelte Fertil eine eigene Strategie. Er zeichnete. "Ich malte auf allem, was sich in Reichweite befand: Zeitungen, Rezeptformulare. Das war meine Therapie. Anschließend verbrannte ich alles." Jahrelang erfuhr niemand, was Pierre Fertil mit Wachskreidestiften und Pastellfarben aufs Papier bannte. 1998 entdeckte Pierre Billaux, ebenfalls ein ehemaliger Häftling, einige Zeichnungen. Billaux gelang es, Fertil zu überzeugen, seine Bilder nicht länger zu vernichten, da sie ein wichtiges Zeugnis darstellen.

Fertil übergab eine erste Sammlung seiner Bilder an das Regionalarchiv in Caen, wo sie im November 2007 zum ersten Mal ausgestellt wurden. "Diese Anerkennung, die ich nicht gesucht habe, hat mich befreit. Ich habe fast keine Albträume mehr", sagt Fertil. "So als ob ich - unbewusst - ein Ziel erreicht hätte."

Wer diese wirklich sehenswerte Ausstellung im Südflügel der ehemaligen Walter-Werke ansehen möchte, hat dazu bis zum 4. Juli Gelegenheit: montags bis freitags von 9.30 bis 16 Uhr, sonnabends, sonntags und an Feiertagen von 12 bis 19 Uhr.

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