Notruf

Mutter klagt: 112 gewählt, doch Hilfe blieb aus

Geesthacht. 112 - das ist die Nummer, bei der es im Notfall schnelle Hilfe gibt. Doch was, wenn trotz des Anrufs weder Krankenwagen noch Notarzt herbeieilen? So geschehen in Geesthacht.

Es war an einem Freitag, 22 Uhr, als der bellende Husten die kleine Celine (4) zu schütteln begann. Ihre Mutter, Nadine Borchert, reagierte sofort. "Meine Tochter hat etwa viermal im Jahr einen Pseudokrupp-Anfall", erzählt die 36-jährige Grünhoferin. Ein Zäpfchen, inhalieren und frische Luft, das hilft normalerweise. Diesmal nicht. Nach zwei Stunden fiel der Vierjährigen das Luftholen immer schwerer. Nadine Borchert gab ihr ein weiteres Zäpfchen. Doch auch das brachte keine Linderung. Die Mutter bekam Angst. Ihr Mann war bei der Nachtschicht, und mittlerweile war auch der zweijährige Sohn Tayler aufgewacht. In ihrer Not wählte die Mutter 112. Dem Mitarbeiter in der Leitstelle in Bad Oldesloe schilderte sie den Vorfall und auch, was sie bereits getan hatte. Sie hoffte auf schnelle Hilfe, doch die Worte des Mitarbeiters waren ernüchternd.

"Er erklärte mir, dass im Moment weder ein Rettungswagen noch der Notarzt verfügbar seien und riet mir, selbst ins Krankenhaus zu fahren." Atemnot, kein Rettungswagen, kein Arzt - die Angst wuchs fast zur Panik. Schließlich musste Nadine Borchert vom Ludwig-Uhland-Weg in Grünhof ganz ins Kinderklinikum Lüneburg. "Weil ich starke Probleme mit den Augen habe, darf ich nachts nicht Auto fahren." Das habe sie auch dem Leitstellenmitarbeiter erklärt. "Er sagte mir, ich solle versuchen jemand zu finden, der mich fährt und mich noch mal melden, wenn das nicht klappt."

Zum Glück konnte sie ein befreundetes Pärchen aus dem Bett klingeln. Der Mann setzte sich kurzerhand ins Auto und brauste mit Nadine Borchert und Celine nach Lüneburg. Celines Husten wurde inzwischen immer schlimmer, erst eine Inhalationslösung von hoch konzentriertem Adrenalin brachte im Krankenhaus Erleichterung. "Als wir dort ankamen, fragte mich die Ärztin verdutzt, warum ich keinen Notarzt gerufen habe. Sie hat nicht verstanden, warum offenbar niemand verfügbar war." Der Vorfall hat die Mutter nachhaltig verunsichert. "Was ist, wenn mal etwas noch Schlimmeres passiert?", fragt sie. "Wenn etwa mein Mann einen Herzanfall hätte?"

Bei Engpässen sollen eigentlich die "First Responder" einspringen. "Wir kommen, wenn die Lage möglicherweise lebensbedrohlich ist und die zuständigen Rettungswagen länger als 20 Minuten zur Einsatzstelle brauchen", erläutert Stefan Streubel vom Geesthachter Ortsverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Er und sein Team arbeiten ehrenamtlich und sind meistens nachts im Einsatz. In Geesthacht gibt es von 7 bis 23 Uhr zwei Rettungswagen vom DRK. Nach 23 Uhr ist es nur noch einer. "Dann muss oft Hilfe aus Basedow oder Lanken kommen. Weil die Helfer länger brauchen, überbrücken wir als Ersthelfer die Zeit bis der Rettungswagen da ist", erklärt Stefan Streubel. Obwohl er schon oft zu Kindern mit Pseudokrupp-Anfällen gerufen wurde, bekam er in der betreffenden Nacht vom 17. auf den 18. August keinen Alarm.

Die Leitstelle in Bad Oldesloe ist noch dabei den Vorgang zu prüfen. Leiter Markus Hilchenbach: "So viel kann ich aber bereits sagen: Wir haben ein standardisiertes Abfrageschema, fragen etwa nach der Ansprechbarkeit des Patienten oder ob er stark blutet." Wenn sich nach diesem Gespräch eine Notfallindikation ergibt, werde immer Hilfe losgeschickt.