Leserbrief: Der Freund der Ruderin

"Sippenhaft war ein Zeichen dunkelster deutscher Zeit"

Betr.: "Nazi-Affäre schlägt hohe Wellen in Sport und Politik", Politik und Meinung-Seite vom 6. 8. 2012

Es ist schon erstaunlich, wie jetzt in der Öffentlichkeit eine arglose 23-jährige Sportlerin bedrängt wird, weil sie offenbar "den falschen Freund" hat. Wäre dieser Hype auch losgetreten worden, hätte man von ihr auch diesen "Ariernachweis" so vehement gefordert, wenn ihr Partner für die Linkspartei kandidiert hätte? Oder ein Farbiger, gar ein Jude gewesen wäre? Wohl nicht.

Die NPD, welcher Drygallaas Freund angehört hat, ist eine in Deutschland zugelassene Partei und in einigen Landtagen vertreten, mag man ihre Ziele und "Inhalte" auch für reichlich abwegig halten.

Im übrigen dürften die meisten dieser "Rechten" die geschichtliche Dimension ohnehin nicht kennen. Sie sind aus Frust einfach mal "dagegen", weil immerhin das Aufmerksamkeit bringt.

Jene aber, auch in den Redaktionen, welche nun das arme Mädchen niederschreiben, sollten es besser wissen und sich eben nicht mit den Methoden jener gemein machen, die sie verteufeln. Denn "Sippenhaft" war eines der Zeichen dunkelster deutscher Zeit - das sollte man Nadja Drygalla nicht antun. Sie selbst ist - das bestätigt sogar der Verfassungsschutz - nie im Dunstkreis der rechten Szene verortet worden. Sie hat sich in einen Ruderkollegen verliebt, damals, als beide zusammen trainierten, denn auch ihr Freund hat achtbare Erfolge im Sport vorzuweisen. Dann ist er - warum auch immer - in eine politische Richtung gedriftet, über die man denken mag wie man will, die aber - bisher - in Deutschland nicht verboten ist. Offenbar hat Nadja Drygalla sogar einige "Sozialarbeit" geleistet, denn immerhin ist der junge Mann - dem man doch auch eine "Jugendsünde" zugestehen sollte - wieder aus der NPD ausgetreten.

Es wäre doch wohl eher Aufgabe derer, die das Ganze nun so genüsslich hochkochen, (Motto " Wenn wir schon zu wenige Goldmedaillen haben, dann wenigstens ein Nazi-Skandal") diesem jungen Mann einen Weg außerhalb seines früheren Umfeldes zu ebnen -Stichwort Andreas Molau -, als seine Freundin den Berufs- und Sportweg zu verbauen.

Offenbar hat Nadja Drygalla - anders als ihre Häscher - nämlich Charakter: sie hat zu ihrem Freund gestanden, den sie gewiss wegen allem Möglichen liebt, aber sicher nicht wegen seiner politischen Eskapaden, und sogar dafür den Polizeidienst quittiert. Sie steht auch jetzt zu ihm, sie hat ihn bewegt, seinem braunen Intermezzo Adieu zu sagen, und sie möchte einfach weiter rudern und Erfolge für Deutschland erzielen.

Lassen wir sie das tun, unterstützen sie dabei und ihren Freund auf dem Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft. Nur das ist demokratisch und des Rechtsstaats würdig - alles andere wäre, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, wäre sich gemein zu machen mit denen, deren Ideologie man doch so strikt ablehnen will.

Rüdiger Gromzig, 21509 Glinde