Mord

Seniorin mit Stein erschlagen - Schwiegersohn vor Gericht

Geesthacht. "Ich habe Frau V. nicht umgebracht." Mit diesen Worten bestritt der 44-jährige Jens L. gestern vor dem Landgericht Lübeck den Mord an seiner 72-jährigen Schwiegermutter Waltraut V.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die kranke und alleinstehende Rentnerin am 5. November 2011 in ihrer Wohnung in der Straße Am Pappelwäldchen in Geesthacht aus Habgier ermordet zu haben. Jens L. wurde vier Tage nach dem Gewaltverbrechen unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Vorher hatte die Polizei die als vermisst gemeldete Rentnerin tagelang gesucht (wir berichteten).

Vor der Lübecker Mordkommission hatte L. zunächst ein Geständnis abgelegt. Gestern ließ er dieses Geständnis durch eine Erklärung seiner Verteidigerin Lena Alpay-Esch widerrufen. Die Polizisten hätten während der Vernehmung damit gedroht, seine Ehefrau und seinen elfjährigen Sohn "in die Mangel zu nehmen", um Näheres über ihn zu erfahren. Außerdem habe er nach dem sieben Stunden langen Verhör unter extremer psychischer Belastung gestanden. Mit seinem Geständnis habe er seine Familie schützen wollen, sagte der Angeklagte gestern.

"Ist diese Erklärung Ihrer Anwältin das, was Sie dem Gericht mitteilen wollen?", fragte der Vorsitzende Richter Christian Singelmann den Angeklagten. "Genau so ist es", antwortete Jens L. Danach sagte er während der gesamten Verhandlung kein Wort mehr.

Laut der Anklageschrift muss der Täter mit unglaublicher Brutalität vorgegangen sein. Er habe die alte Frau zu Boden geworfen und anschließend mit einem schweren Betonstein mindestens fünfmal auf ihren Kopf eingeschlagen, trug Staatsanwältin Dr. Ulla Hingst vor. Dann habe er sich auf ihren Brustkorb gekniet, sie gewürgt und damit getötet. In der Lübecker Gerichtsmedizin stellten die Ärzte außerdem schwerste Kopfverletzungen fest, die Waltraud V. auch nicht überlebt hätte.

Nach dem Mord wickelte der Täter die Leiche in eine Decke, zog ihr eine Plastiktüte über den Kopf und verstaute sie in einem Wandschrank. Er nahm mehrere Schmuckstücke und die EC-Karte des Opfers an sich. Mit der Karte hob er noch am selben Tag 800 Euro und am nächsten Tag 830 Euro vom Geldautomaten ab.

Dann nahm die Schilderung der Ereignisse vor Gericht eine makabere Wendung, der helle Saal 163 des Lübecker Landgerichts mit seiner bis zum Fußboden reichenden Fensterfront verwandelte sich in ein finsteres Gruselkabinett. Der Pflegedienst traf Waltraut V. am Tattag nicht mehr in der Wohnung an, berichtete eine Altenpflegerin als Zeugin. Der Gehwagen der Seniorin stand im Bad, sie konnte die Wohnung aber ohne die Gehhilfe nicht mehr verlassen.

Als die Frau auch am nächsten Tag verschwunden blieb, wurde die Polizei alarmiert. Zwei Geesthachter Kripo-Beamte durchsuchten die Wohnung. Sie bemerkten einen "speziellen Geruch", sagte der 42-jährige Ralf S. gestern als Zeuge, "aber gerade die Wohnungen alter Leute riechen manchmal etwas streng, sodass wir uns zunächst nichts dabei gedacht haben". Dann aber stießen die Beamten auf eine blutbespritzte Matratze. Sie lag auf dem Boden und blockierte eine Schranktür. Die Polizisten stellten ihre Suche sofort ein, um keine Spuren zu vernichten, und alarmierten die Lübecker Mordkommission. Die fand schließlich die Leiche im Schrank.

Weil Jens L. zu den Tatvorwürfen schweigt, wird das Gericht sich auf einen langwierigen Indizienprozess einrichten müssen. Bisher sind noch neun weitere Verhandlungstage vor der Strafkammer angesetzt. Das Urteil wird für Ende Juni erwartet.