Reaktionen aus der Region

"Was für ein schöner Sonntag" - Joachim Gauck Bundespräsident

Berlin/Geesthacht (ll/ger/tv). Er ist der erste Mann im Staat: Mit einer klaren Mehrheit ist Joachim Gauck gestern zum deutschen Bundespräsidenten gewählt worden. Der 72-Jährige wurde von einer Fünf-Parteien-Koalition aus CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen unterstützt.

"Was für ein schöner Sonntag", rief Gauck den 1240 Wahlmännern und -frauen sowie den Gästen im Berliner Reichstag zu. Gauck unterstrich in einer sehr persönlichen Rede die Bedeutung freier Wahlen. Er wolle ein Bürger sein, nichts weiter - aber auch nichts weniger als das. Der neue Bundespräsident sagte, er werde sich gegen die Politikverdrossenheit im Land einsetzen und für eine Annäherung zwischen Regierenden und Bevölkerung arbeiten.

Welche Themen Gauck in seiner Amtszeit ebenfalls aufgreifen solle, darüber sprach unsere Zeitung mit drei Persönlichkeiten aus der Region.

Gunnar Penning, Pastor der Ev. Kirchengemeinde Geesthacht, hält Joachim Gauck für den richtigen Mann zum richtigen Zeitpunkt. "Er hat mit Recht einen Vertrauensvorschuss bekommen", sagt Penning. "Ich habe Joachim Gauck als jemanden erlebt, der die Dinge beim Namen nennt." Seine wichtigste Aufgabe sei es jetzt, das bei den Bürgern auch durch die Affäre um seinen Amtsvorgänger Christian Wulff verloren gegangene Vertrauen in die Politik zurückzugeben. "Das wird Gauck anpacken, da bin ich sicher. Und er wird in diesem Punkt nicht immer bequem sein. Er wird das Amt aber auch in einer Weise ausfüllen, die uns bestimmt immer wieder überraschen wird, denn er hat den Vorteil, kein Berufspolitiker zu sein." Hier habe Gauck sicher viel Wertvolles in seiner Zeit als Pastor gelernt, so Penning. Am meisten hofft er jedoch, dass der neue Präsident wieder Ruhe in das Amt hineinbringt. "Er präsentiert uns, dafür brauchen wir eine repräsentative Persönlichkeit, der wir glauben können. Mehr sollten wir aber auch nicht erwarten."

Hans-Ulrich Klose (SPD), Bergedorfs Bundestagsabgeordneter: Das Amt des Bundespräsidenten ist kein Bestandteil der operativen Politik. Es ist daher nicht seine Sache, sich in das klassische Regierungs- und Parlamentsgeschäft einzumischen. An Stelle der Regierungsmacht hat er aber die Macht des Wortes.

Joachim Gauck genießt hohes Ansehen als Chef einer Behörde, die seinen Namen angenommen hat, und er hat erlebte Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte der Freiheit, genauer: einer Befreiung. Deutschland hat zwei Diktaturen erlebt. Von der ersten haben nicht wir selbst, sondern andere Länder uns befreit. Die zweite Befreiung haben wir aber selbst geleistet. Seitdem können wir sagen, dass Deutschland etwas von Freiheit versteht, und Joachim Gauck kann das formulieren. Ich wünsche mir einen Präsidenten des Volkes, der - auch wenn er erster Bürger des Staates ist - nicht abhebt, sondern stets mit beiden Füßen auf dem Rasen bleibt, auf dem er steht."

Joachim Wagner, CDU-Direktkandidat im Wahlkreis Stormarn-Süd zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein: "Der Bundespräsident ist eine Instanz, die den Finger heben soll, wenn Dinge aus dem Ruder zu laufen drohen. Die aktuelle Tagespolitik dagegen soll nicht seine Sache sein.

Ich halte es aber auch für seine Aufgaben, für Bürgerengagement einzutreten, immer wieder für ehrenamtliche Tätigkeiten zu werben und die Verantwortung jedes einzelnen Bürgers ins Bewusstsein zu rufen. Aufrichtigkeit und Tugend, die sogenannte Handschlag-Qualität, gilt es einerseits vorzuleben, andererseits von den Menschen abzufordern.

Damit einher geht der Auftrag, der immer stärker grassierenden Vollkasko-Mentalität der Deutschen entgegenzutreten. Das Essen in der Schul-Cafeteria soll kostenlos, die Kindertagesstätte ohne Aufpreis bis 21 Uhr geöffnet sein. Dieses Anspruchsdenken ist nicht mehr erfüllbar. Der Staat ist nicht für alles zuständig." Seite 2