Winter

Minusrekord - Deutschland erstarrt bei fast 30 Grad Frost

Bergedorf/Geesthacht (bz). Die eisige Kälte sorgt für immer neue Rekordwerte in diesem Winter. In Mecklenburg-Vorpommern fiel das Thermometer in der Nacht zum Montag auf der Insel Usedom auf minus 29,1 Grad, wie der Wetterdienst Meteomedia mitteilte.

Die Binnenschifffahrt ist so gut wie lahmgelegt. Es bleibt die ganze Woche kalt, bei leichtem Schneefall wird es aber weniger eisig.

Mehr als 90 Hilferufe pro Stunde erreichten gestern die ADAC-Pannenhilfezentrale an der Kurt-A.-Körber-Chaussee in Bergedorf. Zwischen 6 und 15 Uhr nahmen 835 Autofahrer die Unterstützung von einem der 51 "gelben Engel" in Anspruch. Wartezeit durchschnittlich 93 Minuten. "Zu 80 Prozent werden wir wegen schlapper Batterien gerufen", sagt Teamleiter Jörg Weidlich, der auch viele eingefrorene Kühler und defekte Lichtmaschinen registrierte. Vielerorts blieben auch Dieselfahrzeuge liegen: "Ab minus 20 Grad macht der Diesel Probleme, denn das Paraffin flockt aus. Dann muss der verstopfte Filter in einer Werkstatt ausgewechselt werden", heißt es beim ADAC.

Das Alstereis ist an den dicksten Stellen inzwischen 15 bis 18 Zentimeter stark. Es kann auf eigene Gefahr betreten werden, gab die Umweltbehörde gestern bekannt. Zuletzt war die Außenalster im Winter 2010 zugefroren. Andere Städte sind zögerlich: "Geesthacht gibt die Teiche in Grünhof, an der Hansastraße und im Stadtpark generell nicht frei, weil die Eisschichtdecken der Gewässer nicht, wie in Hamburg, regelmäßig gemessen werden", sagt Jürgen Pflantz aus dem Umweltamt. Generell gilt: Vorsicht bei fließenden Gewässern, unter Brücken und bei Zuläufen.

In vielen Geschäften bestimmen schon kurzärmlige Hemden und knappe Oberteile die Auslagen. Wintersachen gibt es aber noch: "Wir haben extra einen großen Vorrat an Mützen, Handschuhen und Schneeanzügen nachgepackt", sagt Anka Fabian, Leiterin des Kaufhauses Nessler in Geesthacht. "Ganz besondere Nachfrage gibt es nach warmen Winterjacken."

Probleme bereiten die Minusgrade der Feuerwehr: "Uns kann das Wasser in den Schläuchen gefrieren", sagt Thomas Marbes, Zugführer der Feuerwehr Geesthacht. Weiterer Gefahrpunkt: Das Glatteis, das durch Löschwasser auf Straßen und Wegen besteht. Marbes: "Wir haben immer etwas Streusalz dabei, um uns helfen zu können, damit es während des Einsatzes zu keinen Stürzen kommt."

Mit Bagger und Presslufthammer geht es derzeit auf dem Bergedorfer Friedhof zu: Obwohl der Boden 14 Zentimeter tief gefroren ist, schaffen es die Arbeiter, alle Toten unter die Erde zu kriegen. "Die Reihengräber können wir ja vorher mit Laub abdecken, dann friert es nicht so extrem durch", sagt Wolfgang Charles vom Management des öffentlichen Raums.

Der Preis für Heizöl schießt in die Höhe. Pro 100 Liter bei einer Abnahme von 3000 Litern Standardöl müssen 89,15 Euro berappt werden, verkündet das Portal www.heizoel24.de . Das sind knapp drei Euro mehr als am Donnerstag. Neben dem schwächelnden Euro, dem Atomstreit mit dem Iran und den Griechenlandproblemen, die sich auf den Preis auswirken, beeinträchtigen die tiefen Temperaturen die Auslieferung des Heizöls, das beginnt bei nicht anspringenden Tankwagen und endet bei der schlechten Fließfähigkeit des Öls.

Glück haben die acht wohnungslosen Männer, die einen Platz in den vier Containern auf dem Gelände der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in Lohbrügge ergattert haben. Die Unterkünfte sind im Rahmen des Winternothilfeprogramms der Stadt aufgestellt. Die Männer können sich dort auch tagsüber aufhalten.

Bei diesen Minustemperaturen braucht auch die Gesichtshaut besonderen Schutz. Dermatologin Dr. Birgit Gewiß aus Reinbek empfiehlt bei normaler und trockener Haut reichhaltige Cremes. In keinem Fall sollte bei Frost Creme mit Harnstoff (Urea) verwendet werden. Dieser kann gefrieren und damit zu kleinen Erfrierungen in der Haut führen. Wer eher fettige Haut hat, sollte bei Feuchtigkeitsfluids ohne Paraffin-Zusatz bleiben.

Die heimischen Wildtiere werden mit der Kälte gut fertig, sagt Wolfgang Kruckow von der Revierförsterei Grünhof. Gefüttert werden müssten sie derzeit nicht. Störche oder Kraniche, die dieses Jahr nicht in den Süden geflogen sind, hätten allerdings Probleme.

Anders als im vergangenen Winter scheint die Bahn die Probleme mit dem Winterwetter weitgehend im Griff zu haben. "Es gibt keine größeren überregionalen Störungen", sagte ein Sprecher am Montag, lediglich vereinzelte Verspätungen oder Zugausfälle durch Weichenstörungen. Die Bahn hatte 2011 mehr als 70 Millionen Euro zusätzlich investiert, um für den Winter vorbereitet zu sein.