EU-Verordnung

Bürokratie macht Tagesmüttern das Leben schwer

Bergedorf/Geesthacht. Tagesmütter im Norden sind empört. Kommen auf sie künftig weitere Belastungen zu, die ihnen die tägliche Arbeit schwer machen? Müssen sie eine Lebensmittelhygiene-Schulung nachweisen, Einkäufe protokollieren, die Temperatur im Kühlschrank dokumentieren und beim Umgang mit Lebensmitteln Schutzkleidung tragen, wie es eine EU-Verordnung von 2004 vorsieht?

In Hamburg ist dieses Szenario seit Anfang des Jahres bereits Wirklichkeit.

In Bergedorf wurden bereits alle 122 Tagesmütter informiert, "bislang bleiben sie aber sehr entspannt", sagt Petra Simson, die im Jugendamt die Kindertagesbetreuung leitet. Drei Dinge gelte es künftig zu beachten: Zunächst muss man sich beim Bezirksamt kostenfrei als Lebensmittelunternehmerin registrieren lassen. Zudem gibt es beim Gesundheitsamt eine Belehrung zum Infektionsschutzgesetz - dafür sind 27 Euro fällig. Nicht zuletzt wird zentral eine gut zweistündige Schulung zur Lebensmittelhygiene angeboten. "Die Teilnahmebescheinigungen sind gekoppelt mit der fünfjährigen Pflegeerlaubnis", sagt Simson.

Heute beginnen in Bergedorf die Besuche bei den insgesamt sieben so genannten Großtagespflegestellen, wo also mehr als eine Tagesmutter betreut. In Lohbrügge haben sich etwa ein Tagesvater und fünf Tagesmütter zusammengetan, dazu gehört Sigrid Mook: "Das ist unglaublich. Ich habe als Erzieherin aufgehört, weil da mehr Bürokratie war als Zeit am Kind." Eine Schulung könne zwar nicht schaden, aber zunächst stehe eine Dienstbesprechung an, denn "wir müssen neu kalkulieren, wenn wir künftig statt normalen nur noch Papierhandtücher nehmen sollen".

In Schleswig-Holstein sind die Tagesmütter ebenfalls alarmiert, doch noch konnte Klaus Riemann sie beruhigen. Er koordiniert in der Ratzeburger Kreisverwaltung die Tagespflege und geht wie seine Kollegen in den Nachbarkreisen bisher davon aus, dass eine "Tagespflegeperson kein Lebensmittelunternehmen" ist und die EU-Verordnung deshalb auch nicht anzuwenden ist. Anders als in Hamburg gibt es im Kreis Herzogtum Lauenburg Zusammenschlüsse mehrerer Tagesmütter nur in Ausnahmefällen. "Eine Tagesmutter betreut bei uns maximal fünf Kinder im häuslichen Bereich. Hier das Lebensmittelrecht anzuwenden, wäre unsinnig. Das hieße mit Kanonen auf Spatzen zu schießen", so Riemann. Eine auch mit baulichen Veränderungen einhergehende Umsetzung - in der Küche müsste ein zweites Waschbecken installiert, hölzerne Tisch- und Arbeitsoberflächen ausgetauscht werden - würde laut Riemann für die etwa 150 im Kreis registrierten Tagesmütter mit Kosten von bis zu 10 000 Euro verbunden sein. "Und was kommt dann als Nächstes: regelmäßige Brandschutzbegehungen, Stellplatznachweise", fragt sich der Tagespflegeexperte, der an eine derart rigide Umsetzung der EU-Richtlinie wie in Hamburg im Nachbarland nicht glaubt. Auch, weil man im Norden "nicht nur ansatzweise auf die Tagespflege verzichten kann".

"Das treibt ja tolle Blüten", sagt Madeleine André, Tagesmutter aus Geesthacht. Wenn sie und ihre Kolleginnen Schutzkleidung tragen müssten, sei die Betreuung keine Pflege in familiärer Atmosphäre mehr - und genau darauf komme es doch vielen Eltern an. Madeleine André: "Wenn wir diese Hygienevorschriften erfüllen müssen, werden sicher viele Tagesmütter aufhören, das ist nicht mehr zu leisten. Schon jetzt gibt es viel zu viel Bürokratie in unserer Arbeit." Und: Auf die Kühlschrank-Hygiene achte sie sowieso - auch im eigenen Interesse.

Kreisweit werden zur Zeit 5236 Kinder in Kitas betreut, dazu weitere 835 in Krippengruppe (1-3 Jahre), 556 in Hortgruppen, 446 in Spielkreisen und 546 in der Tagespflege, die damit einen Anteil von fast 7,2 Prozent erreicht. Wichtig sind die Tagesmütter vor allem für den Krippenbereich, um die ab 2013 geltenden Quote von 35 Prozent zu erfüllen: Aktuell liegt der Versorgungsgrad im Kreis bei 18,4 Prozent, mit Tagespflege bei 26,5 Prozent. Kreissprecher Karsten Steffen geht davon aus, dass bis Ende 2013 die Quote knapp erreicht wird: "Wenn alle angemeldeten Maßnahmen umgesetzt werden."