Umfrage

Die Enttäuschung ist groß - Basis wendet sich von Wulff ab

Geesthacht (knm/cus/per). Die Kommentare sind vernichtend: "Unserem Bundespräsidenten fehlt es an Format", "Sein Krisenmanagement ist stümperhaft", "Wulff offenbart ein Macht-, Selbst- und Politikverständnis, das ihn und sein Amt weiter beschädigt".

Nahezu unisono gehen die deutschen Medien hart mit Bundespräsident Christian Wulff ins Gericht. Zuerst die Kreditaffäre, dann der Anruf bei "Bild"-Chef Kai Diekmann - viel Zündstoff in kurzer Zeit. Doch was sagen die Lokalpolitiker der CDU zu der Debatte rund um ihren Bundespräsidenten?

Geesthachts CDU-Chef Sven Minge ist verärgert, dass Wulff nicht mit offenen Karten spielt: "Gerade sein Anruf bei der Bild-Zeitung vermittelt den Eindruck, dass er die Dinge unter den Teppich kehren will." Dafür müsse sich der Bundespräsident Kritik gefallen lassen. "Nicht alle Fakten sind klar auf dem Tisch, darunter leidet das Amt", meint Minge. Er findet allerdings nicht, dass Wulff zurücktreten sollte.

Jan Ohrt sieht das anders. Seit über 30 Jahren ist der 69-jährige Geesthachter CDU-Mitglied und vom Bundespräsidenten tief enttäuscht. "Ich war für Wulff, hielt ihn für seriös, aber mit seinem Anruf bei der Bild-Zeitung hat er das Fass zum Überlaufen gebracht", findet er. "Wulff muss zurücktreten, und Bundeskanzlerin Merkel sollte endlich Stellung beziehen."

Auch Schwarzenbeks CDU-Fraktionschef zeigt sich verärgert: "Ich hätte den Kredit nicht angenommen. Aber ich zahle auch mein Bier bei Veranstaltungen selbst und lasse mich in meiner Funktion als Haupt- und Planungsausschuss-Vorsitzender nicht von Architekten einladen", sagt Hans-Joachim Delfs. Auch den Anruf bei Kai Diekmann hält er für befremdlich. "Mir gefällt auch nicht alles, was die Zeitungen über mich schreiben. Aber ich würde nie im Vorweg versuchen, eine Veröffentlichung zu verhindern", sagt er.

Eine mildere Sicht auf die Affäre hat der CDU-Landtagsabgeordnete Markus Matthießen: "Die Kreditvergabe und die ausgehandelten Konditionen sind zunächst mal Sache des Privatmannes Wulff", meint er, räumt aber ein, dass die scheibchenweise Reaktion auf die Anschuldigungen "unglücklich" gewesen sei. Den Vorwurf des Eingriffs in die Pressefreiheit durch Christian Wulff sehe er bisher nicht als erwiesen an.

"Mal abgesehen von der Personalie Wulff sehe ich es kritisch, wenn wir jetzt schon wieder einen Bundespräsidenten wählen müssten", meint Gerhard Moldenhauer, langjähriger CDU-Stadtverordneter in Schwarzenbek. Für ihn gelte es, die Person Wulff und das Amt zu schützen.

Ein Amt, das der Präsident nicht mehr ausfüllt, meint Norbert Brackmann, Bundestagsabgeordneter der CDU aus Lauenburg: "Ich bin enttäuscht, dass die Erwartungen, die wir an seine Wahl hatten, nicht erfüllt wurden", sagt er. "Ein Bundespräsident muss Vorbild in puncto Glaubwürdigkeit, Integrität und Unabhängigkeit sein." Diese Werte seien nun beschädigt. Wulffs Anruf bei Diekmann habe gezeigt, dass er die Wichtigkeit einer unabhängigen Presse offenbar anders bewertet hat, als es um ihn selbst ging. "Ich appelliere an Wulff, sich zu überlegen, ob er das Amt des Bundespräsidenten so weiterführen kann", sagt Brackmann. Seite 2/13