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Experten in Sorge: Tödliche Keime breiten sich rasend aus

Geesthacht. Hunderte Infizierte, mindestens vier Tote: Die Häufung von schweren Durchfallerkrankungen stellt Experten vor ein Rätsel und erfüllt die Bevölkerung mit Sorge.

Bei immer mehr Menschen lautete die Diagnose in den vergangenen Tagen EHEC - eine Bakterien-Infektion, die neben Durchfall im schlimmsten Fall zu einer lebensbedrohlichen Nierenschädigung namens HUS führen kann. Ein Auslöser für die Epidemie konnte bislang nicht ausgemacht werden. Sicher ist nur, dass der größte Teil der Erkrankungen im Norden auftritt.

"Wir sind selbst überrascht über das Ausmaß dieser Epidemie", sagt Dr. Wolfgang Hell, Ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums Dr. Kramer und Kollegen (LADR) in Geesthacht. Die Laborgemeinschaft untersucht für zahlreiche Krankenhäuser und Praxen im ganzen Norden Proben auf EHEC. "Seit Freitag haben wir 350 Proben zur Analyse erhalten. Bis jetzt haben wir 60 positive Fälle nachgewiesen. Das ist ein ungewöhnlich hoher Anteil", sagt der Facharzt für Mikrobiologie. Die meisten positiven Proben stammen aus Hamburg und Umgebung. "Wir arbeiten ohnehin schon sieben Tage die Woche. Aber derzeit verschärft sich die Lage, denn nicht viele Labore können Proben auf EHEC untersuchen", so Hell.

Auch sein Kollege Dr. Burkhard Schütze hat seit Freitag alle Hände voll zu tun. Als Laborleiter Lebensmittelanalytik erhält er Stunde für Stunde Salat, Salami, Sprossen, Rohmilch und Fleisch angeliefert. "Wir bekommen vermehrt Anfragen von verantwortungsbewussten Herstellern, die ihre Lebensmittel zur Sicherheit auf EHEC untersuchen lassen wollen", sagt Schütze. 100 Kontrollen hat sein Team diese Woche bereits ausgeführt, in einem Produkt gab es einen Anfangsverdacht. "Wir unterrichten den Hersteller, der ist dann verpflichtet, den Fall zu melden", sagt Schütze. 24 Stunden dauert es, bis erste Ergebnisse vorliegen, 25 Gramm Lebensmittel seien für eine Probe nötig. Auch Referenzproben für das Robert-Koch-Institut in Berlin werden in Geesthacht analysiert. Auf diese Weise leistet das Labor Dr. Kramer seinen Beitrag im großen Puzzlespiel, den Auslöser der Epidemie zu finden.

Solange die Ursache nicht gefunden wird, ist auch ein Ende der Durchfall-Welle nicht in Sicht. Allein in Hamburg wurden gestern über 200 EHEC-Fälle gezählt. Im Reinbeker Krankenhaus St. Adolf-Stift wurden seit vergangener Woche zwölf Patienten positiv auf EHEC getestet. Im Bethesda Krankenhaus Bergedorf (BKB) gibt es derzeit - entgegen ersten Angaben vom Montag - nicht zwölf, sondern nur vier EHEC-Fälle. Bei zwei Patienten wurde die Krankheit bereits nachgewiesen, bei zwei weiteren besteht der Verdacht. Einer der Verdachtspatienten wurde inzwischen an ein anderes Krankenhaus weiter verwiesen, da er eine besondere Form der Dialyse benötigte. Eine HUS-Erkrankung gibt es laut Gesundheitsbehörde in Bergedorf nicht. Am Unfallkrankenhaus Boberg werden Patienten und Mitarbeiter vorsorglich vor einer Infektion geschützt: Da Gemüse als Quelle der Infektionen in Betracht kommt, gibt es in der Mittagsversorgung vorerst keinen Salat mehr.

Dr. Wolfgang Hell hat den Kindergarten seiner Tochter gebeten, diese Woche auf Rohkost zu verzichten. "Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, tatsächlich belastete Nahrung zu sich zu nehmen. Aber wenn man Vorsichtsmaßnahmen treffen kann, sollte man es tun", sagt Hell. "Entscheidend ist auch eine gründliche Hygiene, gerade in der eigenen Küche", sagt Schütze. Er rät zudem von rosa angebratenen Steaks derzeit dringend ab. "Nur was gut durchgebraten ist, ist sicher", sagt Schütze und verweist auf eine ähnliche EHEC-Epidemie, die 1982 in den USA grassierte. Damals waren zu lasch durchgebratene Hamburger einer Imbisskette der Auslöser der Epidemie. Seiten 5/20/21

Die DAK Bergedorf bietet eine Hotline für Mitglieder aller Kassen an: Ärzte beantworten morgen, 8 bis 20 Uhr, unter 0180 1 000 742 (3,9 Cent/Min aus dem Festnetz) Fragen.

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