"Operation Enterprise" - Die Alliierten greifen an

Bergedorf/Lauenburg
(bz).
Die Eroberung von Lauenburg und der weitere Vorstoß über Geesthacht und Bergedorf nach Hamburg vor 70 Jahren lief bei den Alliierten unter dem Namen "Operation Enterprise". Sie gilt bei Militärhistorikern als letzte geplante Schlacht des Zweiten Weltkrieges in Europa. Wie viele Tote sie letztlich kostete, ist nicht genau bekannt. Schätzungen belaufen sich auf etwa 1500 Menschen.

Schon seit Mitte April war Lauenburg das Ziel des Vorstoßes unter dem Oberbefehl des britischen Feldmarschalls Bernard Law Montgomery. Hier gab es die erste Elbbrücke östlich von Hamburg. (Die Geesthachter Elbbrücke wurde erst 1966 eröffnet.) Von hier aus war neben der Hansestadt auch der Weg an die Ostsee am kürzesten. Doch es lief nicht alles nach Plan: Der Vorstoß zur Brücke am Morgen des 19. April wurde von den Deutschen gestoppt. Die Brücke konnte gesprengt werden.

Doch der Angriff traf die Lauenburger: "In der Oberstadt schlugen die Granaten dicht an dicht ein, eine Frau und ihre beiden Kinder wurden bei den ersten Schüssen getötet, weitere Lauenburger schwer verwundert", schrieb ein Zeitzeuge. Auch Hauptwachtmeister Walter Prüß, der mit seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr beim Löschen half, und ein Obergefreiter namens Friedrich Meier, der sich nahe am Sportplatz aufhielt, zählten zu den ersten Toten. Mehrere Häuser am heutigen "Rufer"-Platz brannten nieder.

Mit der Zerstörung der Elbbrücke mussten die Briten ihre Pläne ändern, da sie einen überraschenden Angriff mit Sturmbooten nicht improvisieren konnten. Die "Operation Enterprise" ging nun in ihre entscheidende Phase. Während auf dem Nordufer der Elbe Menschen angstvoll in ihren Häusern hockten und vor Tieffliegern in Deckung gingen, erholten sich die britischen Soldaten in Lüneburg - bei englischen Kinofilmen und Fußballturnieren. "Wir badeten heiß, aßen gut und tranken Wein. Alles in allem verbrachten wir herrliche Tage in Lüneburg", so ein Soldat der "1. Commando Brigade".

Erst am 28. April kehrte die Streitmacht in voller Stärke an die Elbe zurück - und überquerte den Strom. Das beschreiben wir in dieser Serie kommende Woche detailliert.

Die 2. britische Armee unter dem Befehl von Bernhard Law Montgomery, das waren etwa 375 000 Engländer, Kanadier und Amerikaner, sollte schnell über die Elbe vorzustoßen und dann nach Lübeck und an die Ostsee gelangen. Denn der britische Premierminister Winston Churchill sorgte sich: Was, wenn die Russen Schleswig-Holstein besetzen, nach Dänemark und Skandinavien vorstoßen, damit Zugang zur westlichen Ostsee und dem Atlantik bekommen? Dies sollte Montgomery verhindern.

Auch viele Menschen in Schleswig-Holstein drückten damals den Briten die Daumen. Die Angst vor den Russen war riesig, waren in diesen Wochen doch 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht vor der Roten Armee.

Aus Sicht der deutschen Militärführung war alles anders: Möglichst lange sollten die Stellungen zwischen Lübeck und Lauenburg gehalten werden, damit Flüchtlinge aus dem Osten durchkamen und sich in Schleswig-Holstein sammeln konnten. Lauenburg, so heißt es in einer Quelle, "wurde sozusagen als letzte Bastion als Brückenkopf befestigt und durch Truppen, Artillerie und Flak kampfbereit gemacht". Zu den deutschen Befehlshabern zählte General Günther Blumentritt aus München: "Große Teile der Truppen bestanden aus 16- bis 19-jährigen Buben mit vier bis sechs Wochen Ausbildung, ohne Schanzzeug, Verbandspäckchen, Fahrzeuge. Patriotische, aber verlorene Jugend. Die anderen Teile waren Trümmer alter Divisionen, erledigt, fertig. Artillerie nur wenig, Panzer ebenfalls, in der Luft alle drei, vier Tage ein paar deutsche Jäger. Aufklärung aus der Luft fiel allmählich aus."

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