AstroArt-Literaturwettbewerb

"Waldflucht"

"Eine Waldflucht bietet sich dann an, wenn man etwas mehr von den Dingen braucht, von denen man zu wenig hat und etwas weniger von denen, von denen man zu viel hat."

Unsere Smartphones waren tot, die Freundschaften nicht mehr austauschbar. Wir machten uns keine Sorgen mehr um Handyakkus, die uns unterwegs im Stich ließen, oder um Dinge, die nicht mehr so neu waren, wie sie schienen. Angst hatten wir jetzt nur noch in der Nacht, wenn wir Geräusche hörten, die wir nicht kannten, scharrende Schritte großer Tiere zum Beispiel, Stöcker und Äste, die in der Nähe unserer Fenster brachen und das Heulen hungriger Kreaturen, die vielleicht Menschen fressen würden, wenn sie könnten, oder wenn sie nichts anderes fänden. Hier war es besser, früh schlafen zu gehen und auf das Morgengrauen zu warten, mit dem der Wald wieder freundlich wurde, auf seine graue, sonnenlose Art und ganz langsam, mit jedem bisschen Licht, so etwas um uns bildete wie eine große, weiche Hand.

Wir waren eine ganze Weile gegangen und als es dunkel geworden war, hatten wir diesen Platz gefunden, an dem wir wohnen konnten, unverschlossen und mit einem Bett für zwei. Dann, am nächsten Tag, wollten wir wissen, wie groß er wohl war, der Wald und ob er ein Ende hatte, oder nicht. Also sind wir weg vom Haus gegangen, in die andere Richtung und haben, um uns nicht zu verlaufen, kleine rosa und weiße Marshmallows auf Baumstümpfen und Weggabelungen verteilt. Wir waren lange unterwegs, so lange, bis meine Füße nicht mehr zu den Turnschuhen passten, in denen sie steckten und als wir umkehrten, hatten wir noch keine Straße gehört oder gesehen, kein Haus und auch kein Flugzeug, das über uns hinweg flog. Da waren nur Bäume, die höher waren als normale, dickere Stämme hatten und dichter aneinander standen. Braunes Laub, ebensolche Äste und ein Himmel darüber, der grau war und manchmal etwas dunstig. Wir hörten einen Specht, dessen Klopfen hohl klang und irgendwie seltsam und wenn ich mir Mühe gab, hörte ich auch ihn neben mir, wie er atmete, aber nicht sprach. Das war alles.

Abends sagte er, dass er sich an die Stille nicht gewöhnen könnte, aber so verbissen wie dann, wenn wir in einer vollen U-Bahn saßen und alle so missmutig wirkten und man nirgendwo rauskommen konnte, nicht mal, wenn man es wirklich wollte, wirkte er eigentlich gar nicht und auch nicht so wie dann, wenn wir im Stau standen und alles so viel langsamer ging, als wir es uns wünschten. Hier hatten wir Zeit und wussten nicht so recht damit umzugehen, besonders er nicht, ihm fehlten die Neuigkeiten und die kleinen Dinge, die uns täglich halfen, zu beurteilen, ob wir uns genug Mühe gegeben hatten und gut so waren, wie wir waren und auf dem richtigen Weg, oder eben nicht. Ein guter Tag war einer mit viel Bestätigung, ein schlechter einer mit wenig. Hier wusste er nicht, ob er gute oder schlechte Tage hatte und versuchte deshalb, Dinge so zu tun, wie man sie eben tat, wenn man da war, wo man nichts hatte. Zigaretten rauchen im Morgengrauen, die Augen zumachen, wenn ein Sonnenstrahl durch die Wolken brach, ein Kartenspiel herausholen, wenn es dunkel wurde. Dabei sah er manchmal wunderbar schusselig aus und ein bisschen verwirrt, wie alle, denen man den Computer weggenommen hatte. Wie ich aussah, wusste ich nicht, weil wir keinen Spiegel hatten, aber einmal sagte er, dass das schon ein besonderes Bild wäre, wie ich da stände, vor diesem kleinen See und dass meine Augen mit ihren kleinen grünen Sprenkeln darin, die richtig leuchteten, wenn man genau hinsah, anders aussahen als alles, das er kannte. "Danke." sagte ich und wollte ihm auch so etwas sagen, weil ich es nett fand, aber seine Augen hatten so was nicht, sie waren einfach nur braun und sonst fiel mir in dem Moment nichts ein. Eigentlich wusste er das ja auch, dass er gut aussah, und das war nichts, worüber ich mit ihm hier sprechen wollte. Das war zu Hause natürlich anders, da redeten wir ständig über solche Dinge und sagten zueinander: "Richtig geil, deine Jacke.", oder die neue Jeans, das Tattoo, oder das Auto, weil wir eben meistens geil fanden, was der andere hatte, und erstaunt waren, dass er es immer einen Tick früher hatte als alle, die wir kannten. Das mit meinen Augen war natürlich was Besseres, weil die was waren, für das ich nichts konnte und die für immer genau so bleiben würden.

Nach drei Tagen schien es ihm zu reichen mit uns hier in unserer Antistadt, jedenfalls setzte er sich nicht hin, sondern lief immer nur auf und ab und zog nur mal ein Buch aus dem Regal und stellte es wieder zurück. Es war ein Witz, sagte er, dass es gerade erst dunkel geworden war, also nicht viel später sein konnte als acht Uhr und dass er nicht wusste, was er jetzt machen sollte oder was man normalerweise machte, ganz ohne flimmern und glimmern und Dinge, die am nächsten Tag fertig sein mussten und viel zu vielen Freunden. Er schien kurz davor zu sein, unserer kleinen Waldflucht ein Ende zu bereiten, zog sich sogar, mit der Ausrede, eine Tankstelle suchen zu wollen, um Zigaretten zu kaufen, die Schuhe an und stand eine Weile neben der Tür, ohne sie zu öffnen. Dass er nicht wirklich gehen würde, wusste ich, als ich bemerkte, dass er langsam, ganz langsam wieder so jung aussah, wie er eigentlich war. Nach einer Weile setzte er sich wieder neben mich.

An den ersten Tagen waren wir früh aufgewacht, weil da dieses Gezwitscher war, von kleinen, unbekannten Vögeln, in hohen, niedrigen, nahen und fernen Bäumen. Vielleicht auch, weil wir das Rauschen ein bisschen vermissten und das Geräusch der Handys auf dem Nachttisch um Punkt sieben, wenn die ersten E-Mails eintrudelten, weil wir das beide so eingestellt hatten, dass ab zwei Uhr keine mehr kamen und dann morgens wieder, wenn der Wecker klingelte. Dann aber, als wir anfingen, früher ins Bett zu gehen, schliefen wir auch länger und verbrachten die Tage nur so, wie wird dachten, dass man Tage verbringen müsste, in denen man nur sich hatte. Und so war es gut.

Weil es so schien, als wolle uns der Wald behalten, hatten wir keine Lust, die Tage zu zählen und auf den zu warten, an dem wir, der Vernunft halber, zurückkehren mussten, dahin, wo wir hingehörten. Aber dass wir irgendwann was einkaufen gehen mussten, das wussten wir, und während wir darüber sprachen, regnete es so, dass wir unmöglich rausgehen konnten, und das hatte was, was uns beruhigte, wie man da so die dicken, grauen Schnüre vor den Scheiben sah, und wenn man den Kopf hob den Nebel, grauen Nebel über den Baumwipfeln, der auch von den Seiten langsam angekrochen kam. Genau fünf Tannenreihen konnte man noch erkennen. Wir saßen am Fenster und tranken Pfefferminztee, weil Regen und Pfefferminztee einfach gut zusammenpassten, und wir wussten nicht, wie spät es war, weil wir ja keine Uhren hatten. Wir sprachen darüber, dass wir mal unsere Freunde hierher einladen könnten, an diesen Ort, an dem man grüne Punkte in den Augen bekam und die Tage so lang waren, dass man allein dadurch müde wurde, dass sie irgendwann zu Ende gingen, und an dem man viel weniger reden musste als sonst und trotzdem mehr wusste. "Klar, das sollten wir machen." Sagte er, aber da wir weder telefonieren konnten noch irgendjemandem den Weg beschreiben hätten können, den wir gegangen waren, verschoben wir es und beschlossen, dass wir noch einen oder zwei Tage mit unseren Nudeln, Keks- und Instantkaffeepackungen auskommen würden und dass wir dann loslaufen würden, zu diesem Supermarkt, auf dessen Parkplatz wir unser Auto gelassen hatten, und dass wir dann dort ja auch wieder Handyempfang haben würden. Für den Rest des Abends rückten wir noch etwas näher zusammen.

Wahrscheinlich hatten wir sogar Glück, dass wir am Ende, als wir mit dem Auto zurückkehrten, das wir nur genommen hatten, weil unsere Einkäufe schwer waren und das Laufen zu anstrengend, das Haus nicht mehr wiederfanden. Wir suchten lange, auch noch, als es schon längst dunkel war. Aber eigentlich wussten wir es ja, dass wir zurückmussten und dass unser Urlaub zu Ende war und dass Zeit, richtige Zeit, eben so was war, was man mal eine Woche lang hatte und nicht sein ganzes Leben lang.

"Nach drei Tagen schien es ihm zu reichen mit uns hier in unserer Antistadt."