AstroArt-Literaturwettbewerb

"Männer auf Pferden"

Wenn man nach Italien in Urlaub fährt, und der Deutsche ja immer nach Italien muss, immer dorthin fährt bzw. fuhr, weil Italien das Urlaubsland schlechthin war, und auch meine Eltern meine Schwester und mich vor Urzeiten auf die Rückbank ihres Fiats stopften um den sonnigen Süden aufzusuchen, fiel mir zuerst auf, dass der Fiat nicht richtig für Länder wie Italien konzipiert war. Man kokelte sich schon kurz hinter den Alpen die Beine an, auf überhitzten Plastiksitzen, Sitze einer italienischen Autofirma wohlgemerkt, die ihr Klima ja eigentlich kennen sollten und dennoch ihre Wägen mit diesen Foltersitzen versah, was dem Land in meinen Augen etwas abgründiges verlieh. Meinen Kinderaugen, obwohl ich heute nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob ich das Auto meiner Eltern überhaupt mit Autoherstellern in Verbindung brachte, damals, und nicht heute erst, im Nachhinein, wo mein Gehirn nicht mehr weiß, was es damals dachte, das Gehirn eines Erwachsenen völlig anders konzipiert ist, das Kind "heiß" denkt und die Beine anzieht, während der Erwachsene darüber nachdenkt, wem er jetzt die Schuld geben könnte.

Vielleicht mochte der Italiener keine kurzen Hosen. Italien war schließlich ein katholisches Land, und auch die Kirchen wurden nicht müde zu betonen, dass man sie in kurzen Hosen nicht betreten durfte. Warnschilder, auf denen kurze Hosen durchgestrichen waren, was mich damals schlussfolgern ließ, Kirchen generell nicht betreten zu dürfen - unsere Kleidung war schließlich mit einem Schrägstrich versehen. Niemand erwünscht.

Und da wir im Sommer ausschließlich kurze Hosen trugen und wir auch ansonsten der Abbildung zumindest ähnelten, schlossen wir: Keine Kinder in italienischen Kirchen. Wir wollten da sowieso nicht rein, und deshalb blieben wir auf dem Rücksitz unseres Fiats und warteten auf den gottgewollten Hitzschlag.

Heute denke ich nicht mehr an überhitzte Autos, wenn ich nach Italien fahre. Ich wundere mich auch nicht über die Fehlkonstruktion des Herstellers. Ich sitze auf alten historischen Plätzen, betrachte den zentral gelegenen Brunnen und streife gelangweilt das Reiterstandbild, das irgendjemanden darstellt, den ich nicht kenne. Obwohl es groß ist und den Platz beherrschen sollte, beherrscht es vielleicht den Platz, nicht aber mich. Es ist älter als die Plastiksitze unseres Fiats, an die ich mich schon kaum erinnere. Der seit langem verstorbene Reiter ist mir noch fremder. Wäre es Dante, hätte ich ihn gelesen. Die Worte hätten eine Brücke der Erinnerung gebaut. Ein Pferd dagegen macht ihn nur ein bisschen größer.

Ich weiß nicht, ob es in Deutschland viele Reiterstandbilder gibt, falls ja, sind sie mir nie wirklich aufgefallen. Ich erinnere mich an den langen Ludwig, der in der Mitte Darmstadts auf einem zentralen Platz stand und genau genommen überhaupt nicht lang war. Er stand auf einer riesigen Säule, ein guter Orientierungspunkt. Nur Ludwig selbst war kaum zu erkennen. In schwindelerregender Höhe überwachte er die TH-Studenten, die in ihrer Mittagspause in das Einkaufszentrum hetzten oder die Museumsbesucher, die das angrenzende Landesmuseum aufsuchten. Man wusste nicht, warum Ludwig sich in Erinnerung brachte, indem er sich von allem entfernte. Ludwig schien ein Außenseiter. Es lohnte nicht, sein Gesicht zu sehen.

Mit den Reiterstandbildern Italiens verhält sich das anders. Sie stehen auf einem imposanten Podest und haben ein ausuferndes Volumen, das auch dem blindesten Pauschaltouristen verrät: Da steht etwas. Es ist wichtig und: Es kann reiten.

Für Pferde hege ich übrigens ein ähnliches Interesse wie für Automarken. Ein Fortbewegungsmittel in alt, mehr ist es nicht. Doch scheint es mehr zu sein, hätte sich sonst nicht selbst der hinterletzte Schriftsteller Italiens auf einem Pferd abbilden lassen.

Der Ursprungsgedanke ist mir dabei sogar einleuchtend. Herr Goldoni mochte der Nachwelt erhalten bleiben, auch wenn er persönlich nunmehr in anderen Sphären weilt und schon vor Jahrhunderten das Zeitliche segnete. Nur: Warum sitzt er auf einem Pferd? Man hätte ihn auf seine Bücher, in sein Theater setzen können - das wäre zugegebenermaßen schwer zu meißeln gewesen, wäre aber seiner Berufung näher gekommen. Niemand käme auf die Idee, Heine auf ein Pferd zu setzen. Schiller, Goethe - alle stehen mit Schreibfeder in der Hand in ihren Geburtsorten und dichten und denken. Heute noch. Selbst Herr Ackermann käme nicht auf die Idee sich in seinen Maserati zu setzen und dem Künstler zu sagen: Na dann meißeln Sie mal los, gefolgt von der ängstlichen Frage, ob der Künstler auch die funkelnden Radkappen im Blick habe.

Goldoni sitzt auf seinem Pferd. Der italienische Komödienschreiber steckt in einer brachialen Rüstung, sieht in die Ferne und sein Pferd hebt anmutig das rechte Bein. Alle Pferde von allen Reiterstandbildern heben anmutig das rechte Bein. Es ist die Haltung, die ich von unseren Rauhaardackeln kannte. Damals, im Wald, wenn sie eine Fährte aufgenommen hatten, die sie aber keinesfalls verfolgen wollten. Sie wollten sie nur aufnehmen. Wichtigtuerisch vor sich hin glotzen. Der Jagdinstinkt war im Laufe ihrer generationsübergreifenden Sofajahre weggemendelt. Nur die Habachtstellung war geblieben.

Damals in Venedig betrachtete ich das Reiterstandbild von Goldoni und fragte mich, warum ein Komödienschreiber in einer Rüstung steckte. Warum die Pferde alle gleich aussahen. Ein Serienpferd, ein Prototyp, den jeder Bildhauer zur Verfügung hatte, nur der Kopf variierte, was den Arbeitsaufwand gering hielt.

Es ist ja ohnehin seltsam zu meinen, ein Reiterstandbild halte den Reiter im Gedächtnis. Die einzige Information, die bleibt ist: Mann auf Pferd. Mann in Rüstung auf Pferd mit angehobenem Bein. So sahen sie damals aus, die Menschen.

Dabei wollte der Abgebildete bestimmt nicht den allgemeinen Menschen hervorheben. So sah ich aus mit Rüstung auf Pferd mit angehobenem Bein. Ein Pizzabäcker sah schließlich ganz anders aus, und besaß auch keine Rüstung. Vielleicht war es ja auch einfach eine perfide Idee des Komödienschreibers, seine Zeit zu ironisieren, indem er sich so darstellte, wie sein einfältiger Regierungschef. Nur die Nachwelt hatte wie immer nichts verstanden.

Sie saß am Fuß des Sockels und aß ihre Pausenbrote. Let`s meet in an hour at the ass of the horse, hörte ich den Guide einer amerikanischen Reisegruppe. Die Amerikaner waren schon immer respektloser oder pragmatischer. Dabei war der Treffpunkt schlecht gewählt. In Venedig gab es schließlich viele asses von horses. Die Kathedrale im Hintergrund wäre prägnanter gewesen. Das Reiterstandbild ist in der Moderne ins Hintertreffen geraten. Die wenigen Menschen die reiten, möchten nicht mehr auf Pferden abgebildet werden. Obwohl es sie tatsächlich noch gibt, vereinzelt, sogar in Städten.

Erst kürzlich traf ich zwei Freundinnen, die auf St. Pauli wohnen. Wir sprachen über Laternenumzüge, weil man in meinem Alter immer über Dinge redet, die der Vergangenheit angehören. Laternenumzüge gehören unbedingt dazu. Damals hatten die Laternen auch echte Kerzen, damit es eine realistische Chance gab, dass mindestens zwei lichterloh in Flammen aufgingen - leere Versprechungen, die die Kinder bei der Stange hielten. Heute haben die Laternen langweilige Birnchen.

Aber das war es nicht, was in erster Linie gegen die Umzüge sprach. Zu voll, meinte Sarah. Nie mehr würde sie mit ihrem Kind einen Laternenumzug besuchen. Der Krach, die Hektik. Dann machte sie eine Pause, ihre Gesichtszüge verfinsterten sich. Sie sagte säuerlich: Und dann auch noch die Reiterstaffel...

Die Reiterstaffel? fragte ich irritiert. Sarah nickte. Ich wusste zwar, dass Hamburgs Polizei einen schlechten Ruf hatte. Zu den harmlosesten Fußballspielen wurde eine Reiterstaffel geschickt.

Bei vierjährigen Kindern hingegen konnte ich mir den Einsatz überhaupt nicht vorstellen. Hatte man Angst, der Stadtteil erziehe lauter kleine Autonome, die zu dritt Steine warfen, zu dritt, weil ihre Kinderhände zu klein und ihre Körper zu schwach waren, um so etwas wie einen Pflasterstein auch nur zu bewegen? Betty schüttelte den Kopf. Auch sie sei mit ihrer Tochter bei dem Laternenumzug gewesen, glaube aber ehrlich gesagt, die Reiterstaffel, sei im Grunde nur ein Mann auf einem Pferd gewesen. Könne sein, meinte Sarah. Eine sehr kleine Reiterstaffel.

Eine Ein-Mann-Reiterstaffel. Davon hatte ich noch nie gehört. Aber ich wohnte auch in einem anderen Stadtteil, einem dummen und unpolitischen, in dem die Leute dumm sind und dauernd die falschen wählten. In einem dummen und falsch wählenden Stadtteil brauchte man keine Reiterstaffel. Betty insistierte: Es war wirklich nur ein Mann auf einem Pferd.

Ein Mann auf einem Pferd. Ich dachte an Italien. Selbst dort gehörten Männer auf Pferden der Vergangenheit an. Dachte man an die Zukunft würden vielleicht irgendwann meine Schwester und ich in Bronze gegossen kurz hinter dem Brenner auftauchen, die Helden der Moderne: in kurzen Hosen und mit angewinkelten, weil angekokelten Beinen. Mittlerweile hege ich den Verdacht, die Hufeisen der damaligen Pferde waren von Fiat. Irgendein besonders leitfähiges Material, das den Tieren die Füße verbrannte, insbesondere den rechten.

Ehrlich gesagt..., erwiderte Betty zögerlich und blickte zu Sarah, die sie nun eigentlich nicht kritisieren wollte, ich glaube, der Reiter auf dem Laternenumzug war einfach nur Sankt Martin.

"Für Pferde hege ich im Übrigen ein ähnliches Interesse wie für Automarken."