Ruhestand

Der Herr der Aktenkeller sagt jetzt "Goodbye"

Schwarzenbek. Als die Stadtverwaltung 1982 vom ehemaligen Jugendtreff am Markt 6 in den Neubau am Ritter-Wulf-Platz zog, sollte Dr. William Boehart eigentlich nur die Akten ordnen. Doch er blieb - 30 Jahre.

Mit einer letzen Ausstellung über den Südkreis von den 1960er-Jahren bis heute ("Im Windschatten der Großstadt"), einem Grußwort von Professor Rainer Hering (Leiter des Landesarchivs in Schleswig) und einem Festvortrag von Professor Franklin Kopitzsch (Uni Hamburg) wird Boehart heute Abend um 19 Uhr im Festsaal des Schwarzenbeker Rathauses, Ritter-Wulf-Platz 1, in den Ruhestand verabschiedet.

Boehart war jedoch nicht nur Herr der Schwarzenbeker Akten: 1985 gründeten Geesthacht, Lauenburg, Wentorf, das Amt Hohe Elbgeest und die Europastadt die Archivgemeinschaft, die Vorbild für viele derartige Einrichtungen im Land wurde. Doch der Archivar sortierte nicht nur Akten: Er hatte Lehraufträge an der Universität Hamburg, durch die er junge Historiker auf die Lokalgeschichte des Südkreises aufmerksam machte, schrieb selber Standardwerke zur Ortsgeschichte. So entstanden mehr als 100 Aufsätze, Broschüren, Geschichtshefte, historische Bücher und Kalender. Legendär sind seine historischen Fahrradtouren, mit denen er Ortsgeschichte buchstäblich erfahrbar machte. Wir haben den scheidenden Archivar nach einer Bilanz seiner Amtszeit gefragt.

Herr Boehart, 30 Jahren waren sie der Herr der Akten. Hatten Sie nie Lust, etwas anderes zu machen?

Boehart:

Nein, zumindest nie ernsthaft. Für mich war das Arbeitsumfeld ideal. Ich konnte meine Aufgaben frei gestalten und stand in Kontakt mit vielen Menschen. Ich hatte wirklich nie Lust wegzugehen und das war auch die richtige Entscheidung.

Was ist die bemerkenswerteste Leistung in dieser Zeit?

Wir waren die ersten in der Region, die die Zeitgeschichte aufgegriffen haben. Vor dem Jahr 1985 hörte Regionalgeschichte mit dem Ersten Weltkrieg auf. Mit einer Ausstellung über die NS-Zeit habe ich damals in Schwarzenbek einen ersten Pflock eingeschlagen. Mittlerweile haben wir auch die Wirtschaftswunder-Zeit aufgearbeitet.

Wie weit können Historiker gehen? Wann endet Geschichte?

Eine echte Aufarbeitung braucht einige Jahre Abstand. Ich bin in meinen Vorträgen bis in die 1980er-Jahre gegangen. Die Jahre danach sind noch keine Geschichte - auch weil die Akten fehlen.

Was werden Sie im Ruhestand machen?

Ich werde mich keinesfalls nur der Gartenarbeit widmen - das ist mehr Strafe für mich. Ich will im begrenzten Rahmen weiter Vorträge halten und Aufsätze schreiben. Es gibt sogar schon ein paar Anfragen. Zunächst steht aber ein Sachbuch an: Ich will Amerika aus meiner Perspektive erklären, die religiöse Grundhaltung, das "Go-West"-Phänomen und Baseball.

Was erwarten sie vom Festempfang heute Abend?

Möglichst viele Gäste! Das ist keine geschlossene Veranstaltung. Ich hoffe auf viele Menschen, mit denen ich im Laufe der Jahre Kontakt hatte.