Wiedersehen

Wiedersehen nach 56 Jahren

Schwarzenbek. Er ist früh am Sonntagmorgen aufgestanden, um bei diesem Ereignis dabei zu sein: Der Künstler Siegfried Assmann hat zwischen 1954 und 1956 die farbenfrohen Kirchenfenster im Eingangs- und Altarbereich der St.-Franziskus-Kirche geschaffen. I

n einer dreiteiligen Predigtreihe, die gestern begann, stellen die Pastoren Angelika Gogolin, Christiane Klinge und Andreas Schöer die Kunstwerke vor und werben zugleich um Spenden für die Erneuerung der Bleiverglasung (wir berichteten). Die drei von Assmann und Illo von Rauch-Wittlich gestalteten Kunstfenster sind nur minimal von Schäden durch Setzrisse betroffen, die Seitenfenster umso mehr.

Schon vor dem Gottesdienstbeginn um 9.30 Uhr war der noch rüstige 87-Jährige in die Kirche gekommen, um "seine" Fenster mit einer kleinen Digitalkamera zu fotografieren. "Ausgerechnet die habe ich nicht auf meiner Internetseite", sagt Assmann (siehe Infokasten). Dabei zählen die Fenster der St.-Franziskus-Kirche zu seinen frühesten Arbeiten. "Es war eine typische, neogotische Gründerzeitkirche", erinnert sich der Künstler an das Gotteshaus an der Compestraße. Im Krieg war das ursprüngliche Rundfenster über dem Altar zerstört worden. Zwei Jahre nach seinem Durchbruch als Künstler - damals hatte er die Glasfenster der Ottensener Kreuz-Kirche neu gestaltet - macht sich der damals 29-Jährige in Schwarzenbek ans Werk.

Sein Altarbild zeigt das letzte Abendmahl: Um einen Tisch, auf ein goldener Kelch, Brot und ein Lamm zu sehen sind, sitzen Jesus Christus und die zwölf Jünger. Es besteht aus mehr als 500 handbemalten, gebrannten und mit Blei zusammengefügten Glasstücken. Dem Messias direkt gegenüber hat Assmann Judas platziert - zu erkennen am Beutel mit den 30 Silberlingen, den er vergeblich unter dem Tischtuch zu verbergen sucht. Mit Spitzbart und Hakennase ähnele er der antisemitischen Vorstellung von einem Juden. Sei das beabsichtigt, fragt Pastorin Klinge am Ende des Gottesdienstes vorsichtig nach. "Nein", widerspricht Assmann. Die Figur habe keine ausgeprägte Hakennase, dafür recke sie jedoch das Kinn auffällig vor und das sei durchaus gewollt: "Judas war ein aggressiver Mann, ein Zelot, der sich von Jesus einen gewaltsamen Umsturz wünschte."

Am Sonntag, 15. Juli, stellt Pastorin Klinge im Gottesdienst um 9.30 Uhr Assmanns zweites Fenster im Eingangsbereich der Kirche vor: Neben der Lutherrose im Zentrum enthält es die lateinischen Sprüche "sola gratia" und "sola fide" (allein die Gnade, allein de Glaube).

Am Sonntag, 22. Juli, folgen die sechs kleinen Chorraum-Fenster unterhalb des großen Rundfensters, die 1994 von der Künstlerin Illo von Rauch-Wittlich gestaltet wurden. Den Gottesdienst um 9.30 Uhr hält dann Pastor Andreas Schöer.