"Kennenlernen ist besser, als Distanz zu wahren"

Von Dörte Hoffmann

Reinbek.
Der Zustrom an Flüchtlingen beschäftigt die große wie die kleine Politik vor Ort. Grund genug für die Stadt, die Reinbeker über Planungen für die zu schaffenden Unterkünfte zu informieren. 170 Plätze werden in diesem Jahr benötigt. Die ersten Mobilheime sollen an der Feldstraße in Neuschönningstedt entstehen. Weitere sind auf der Freizeitbadwiese in Alt-Reinbek geplant. Außerdem wird die Gelbe Villa an der Hamburger Straße ab Juni Flüchtlinge aufnehmen und die Anlage Krabbenkamp um 32 Plätze erweitert werden.

"Neuschönningstedt ist überschaubar, da möchte man wissen, was geplant ist", begründete eine Anwohnerin ihren Besuch in der Begegnungsstätte, wohin Bürgervorsteher Ernst-Dieter Lohmann zu einer Einwohnerversammlung eingeladen hatte. Wie sie dachten zahlreiche Neuschönningstedter, alle Plätze im Festsaal waren besetzt. "Schon aus humanitären Gründen muss man helfen, man kann die Menschen nicht einfach ertrinken lassen", meinte ein Ehepaar, das seit 30 Jahren im Stadtteil lebt.

"Wir müssen uns auf die Neubürger einstellen, was keine leichte Situation ist, und haben die Pflicht, ihnen fair und menschwürdig gegenüberzutreten", sagte Lohmann zur Begrüßung. Bauamtsleiter Sven Noetzel informierte über die fünf Mobilheime, die ab Oktober an der Feldstraße Platz für 25 Flüchtlinge bieten sollen. Auch auf der Freizeitbadwiese sollen die kompakten Häuser, die nicht mit Containern vergleichbar sind, aufgestellt werden. "Sie sind für Familien gedacht", so Noetzel.

Dass die Versammlung konstruktiv verlief, war auch ein Verdienst von Roderich Ziehm, dem Vorsitzenden der Reinbeker Flüchtlingsinitiative. Mitreißend und begeistert erzählte er von der ehrenamtlichen Arbeit des Teams - von der Begrüßung bis hin zur Begleitung zu Behörden oder Patenschaften. Er betonte immer wieder, wie dankbar und voller Respekt die Flüchtlinge seien: "Sie sind gefährdet, nicht gefährlich."

Bei Fragen aus dem Publikum ging es um Kosten, um Ordnung und Sauberkeit rund um die geplanten Heime: Wird die Kanalisation erweitert und kommen Kosten auf die Anlieger zu? Wer betreut die Anlagen? Aber auch Flüchtlingsquoten, Baupläne und die Aufenthaltsdauer der geflüchteten Menschen interessierten die Anwohner.

Die Antworten, die je nach Thema Noetzel, Torsten Christ, Leiter des Amtes für Bürgerangelegenheiten, oder Ziehm lieferten, kamen beim Publikum an, wurden öfters mit Beifall belohnt. Wie etwa die Antwort, dass etwa 60 Prozent der Flüchtlinge lange hier bleiben, auch bei Duldung, und sich dadurch besser integrieren. Sobald mehr Asylsuchende in Neuschönningstedt leben, will die Flüchtlingsinitiative Kurse anbieten. Pastor Michael Paul von der Gethsemane-Gemeinde hat zugesichert, einen Raum dafür zur Verfügung zu stellen. Derzeit leben acht Flüchtlinge in Neuschönningstedt. "Wenn die Feldstraße bewohnt ist, werden wir hier weitere Helferkreise gründen", so Ziehm.

Helga Leder und Elke Forke finden es nach der Versammlung beruhigend, dass die Flüchtlinge gut betreut werden. Beide Frauen wollen mithelfen, dass das so bleibt. Kai Wrede-Feddersen von der KJB kam sozusagen als Nachbar und berichtete, dass auch die Jugendlichen sich für die Flüchtlinge in irgendeiner Form einsetzen wollen. Helga und Gerhard Bartsch trugen sich sofort in die Liste der Interessierten für die ehrenamtliche Mitarbeit ein. "Ich bin ja selbst ein Vertriebener, der als Zehnjähriger mit Mutter und Geschwistern aus Schlesien wegmusste und weiß, wie man sich dabei fühlt", sagte der ehemalige technische Service-Leiter. Wenigstens sei die Sprache damals die gleiche geblieben. Seine Frau ergänzte: "Kennenlernen ist besser, als Distanz zu wahren."

"Ich bin ja selbst ein Vertriebener." Gerhard Bartsch, Neuschönningstedter