Ein anderer Blick aufs Leben

Katrin Bluhm

Wentorf
. Erika Fydrich (58) ist ein selbstbewusstes Improvisationstalent. Das hat einen Grund. Die Wentorferin leidet unter Achondroplasie, der häufigsten Genmutation, die zu Kleinwuchs führt. Mit 1,23 Meter Körpergröße fehlen ihr im Alltag überall locker 40 Zentimeter, um problemlos klarzukommen. "Der Geldautomat, der Überweisungs-Terminal, die Theken im Supermarkt, beim Bäcker und auf dem Markt - alle sind viel zu hoch", sagt sie. Am Automaten hilft der Klapphocker. "Am Tresen muss man sich durchsetzen, um nicht übersehen zu werden", sagt sie.

"Mein Vater hat mir eingebläut, mir nichts gefallen zu lassen." Das war nicht nur auf der Veddel, wo sie aufgewachsen ist, hilfreich. "Das war mein Revier. Erst als wir in die Pubertät kamen, änderte sich alles. Das war die schlimmste Zeit. Ich war das fünfte Rad am Wagen", erinnert sie sich traurig. Mit dem Realschulabschluss in der Tasche ging sie nach Bremen, um dort an einer Schule für Behinderte Bürokauffrau zu lernen. "Ich ging überheblich hin, fand, ich sei nicht behindert. Aber die Schule hat mir die Augen geöffnet. Ich habe dort viel gelernt." Zurück in Hamburg startete sie ihre berufliche Karriere in einer Reederei.

Schon bald nahm sie den Bundesselbsthilfeverband Kleinwüchsiger Menschen e.V. unter die Lupe und fand ihn "ziemlich verstaubt". Mittlerweile hat sich dort vieles geändert und sie leitet den Landesverband Hamburg-Schleswig-Holstein. Hierhin führte ein langer Weg, den sie seit 25 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann geht.

Norbert Fydrich (57) hörte durch die medikamentöse Behandlung einer Rheumaerkrankung bei 1,49 Metern auf zu wachsen. Dass die beiden ein Paar wurden, war zunächst nicht abzusehen. Er fand sie zu laut, lebte in Köln und sie in Hamburg. "Wir haben uns beim Bundeskongress kennengelernt, über Freunde immer wieder getroffen und 1994 haben wir geheiratet", sagt Erika Fydrich.

Gern hätten die beiden Kinder gehabt. Das klappte nicht und auch der Wunsch, ein Kind zu adoptieren, erfüllte sich nicht. Stattdessen haben Fydrichs für 18 Monate eine Pflegetochter aufgenommen. "Sie war bereits neun Jahre alt und wir haben uns aneinander gerieben. Aber wir haben noch guten Kontakt", berichtet Erika Fydrich. Seitdem begleitet stets ein Hund - jetzt Yorky-Dame Jette (12) - das Ehepaar. "Sie sorgt dafür, dass ich rauskomme und Menschen treffe", erzählt Erika Fydrich, die jetzt Rentnerin ist. Ihr Mann hingegen ist Personalsachbearbeiter in einem Logistikunternehmen. Beide fahren individuell umgebaute Autos - sie einen Mini und er einen Golf Kombi. "Der hat mehr Stauraum, wir verreisen gern", sagt er. Genauso wie Urlaubsreisen, die allein wegen passender Hotels sehr gut vorbereitet werden müssen, ist für das Paar auch jeder Tag eine Herausforderung.

"Unsere Wohnung auf dem ehemaligen Kasernengelände wurde auf unsere Bedürfnisse ausgelegt", sagt sie. "Das reicht von tiefen Fenstergriffen, dem tiefer gelegten Türspion, der abgesenkten Badewanne bis hin zum niedrigen Einstieg in die Dusche", zählt sie auf. Dazu kommen spezielle Einbauten in der Küche. Außer der Spülmaschine sind alle Elemente abgesenkt, die Hängeschränke fahren auf Knopfdruck bis auf die Arbeitsplatte herunter. "Aber das dauert mir oftmals viel zu lange", klagt die resolute Wentorferin.

Womit sie sich nicht abfinden kann, ist Respektlosigkeit und Intoleranz, denen sie glücklicherweise nur selten begegnet. "Ein perfekter Mensch hat Herz und Hirn, das ist doch unabhängig von der Körpergröße", betont die 57-Jährige, die übrigens schicke Damenmode liebt. Vieles kann sie für sich und ihren Mann selbst ändern. Bei Mänteln, Blazern und Sakkos muss der Schneider ran. Es wird immer etwas teurer. Wie Schuhe in Sondergröße 33/34, die es nur in Spezial-Geschäften gibt. High-Heels trägt sie allerdings nicht mehr. Das macht die Wirbelsäule nicht mehr mit. "Da ist der Verschleiß. Wir brauchen einfach doppelt so viele Schritte, wenn wir gehen, und meistens zwei Hände, um etwas zu bewegen", sagt sie.

Ihre gute Laune verliert sie allerdings nicht. Dafür gibt es einfach noch viel zu viel zu tun, auch für die kleinwüchsigen Mitmenschen in ihrem Verband.